23.03.2003 - 04.05.2003
SPAGAT

 

Figurative Bildhauerei in der DDR
aus dem Besitz des
Museums Junge Kunst

[ Appelt, Bachmann, Balden, Biebl, Buch, Cremer, Drake, Engelhardt, Fitzenreiter, Fleck, Förster, Geyer, Graetz, Heinze, Henkel, Hoffmann, Jaeger, Kern, Lachnit, Langner, Lobeck, Maasdorf, Makolies, Metzkes, Sakrowski, Scheuerecker, Schönfelder, Schwabe, Seidel, Seitz, Stötzer, Ticha, Tucholke, Weidanz, Wilken ]


Mittlerweile besitzt das Museum einen Bestand von cirka 350 Plastiken, Skulpturen und Objekten. Er ermöglicht einen repräsentativen Einblick in die Bildhauergeschichte der DDR. Im Mittelpunkt stehen von 36 Bildhauern cirka 55 Arbeiten in der Spätrenaissancehalle des Rathauses. Neben bekannten Arbeiten werden solche vorgestellt, die schon sehr lange im Depot weilten oder erst vor kurzem in die Sammlung gelangten („Charakterköpfe" von Dieter Tucholke (1934-2001); eine Bronze von René Graetz (1908-1974) und Holzskulpturen des bisher völlig unbekannten Erich Wilken (1904-2001) aus Bad Doberan).

In der Zeit des Kalten Krieges wurde, wie in der Kunst generell, auch die Bildhauerei stark politisiert. Doch die Gegenüberstellung von Agitationskitsch und Zukunftspathos mit differenzierteren Figurationen ist nicht das Anliegen der Ausstellung. Vielmehr werden verbindende Gestaltungsprinzipien des Bewahrens von essentieller Leiblichkeit und dem Erfahren von existentiellen Grundbefindlichkeiten vermittelt. SPAGAT steht also als Sinnbild für die polaren Lebenserfahrungen Tod / Leid / Trauer und Eros / Schönheit / Glück. Beide wurzeln tief in der deutschen Bildhauertradition und finden bei fast allen ihren Widerhall. Bei diesen Bildhauern wird die Frau vornehmlich zur Metapher für die vielschichtigsten Erscheinungsformen zwischen dem Thanatos und dem Eros. Um einen zeitlos, ewig menschlichen Bezug („humanistische Menschenbild" ?!) für die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts herzustellen, profanieren sie die Motive, entkleiden sie der Attribute und lösen sie aus dem gesellschaftlichen sowie religiösen Zusammenhang.

In den 50er und 60er Jahren erhielten die „Jungen" nicht selten bei denen Unterricht, die in der Vorkriegszeit ihre Ausbildung beendeten, zum Beispiel bei Gustav Seitz ( 1906-1969), Fritz Cremer (1906-1993) oder Heinrich Drake (1903-1994). Dadurch wurde in der DDR eine klassisch orientierte, verhaltene Figurenauffassung von Wilhelm Gerstel (1879-1963) oder von Ludwig Kasper (1893-1945) weitergegeben. Von dieser Lehrergeneration der „ersten" Stunde befinden sich wichtige Arbeiten im Bestand. Heinrich Drake wird mit dem in der Gestik sehr verhaltenen „Mädchen" (1956) vorgestellt. Der einflussreiche Fritz Cremer, dessen Lebenswerk auch viele „Steinerne Plakate" (Jürgen Schweinebraden) aufweist, ist gleich mit zwei Bronzen vertreten. Sein blockhafter Entwurf für ein Denkmal im ehemaligen KZ Mauthausen („O Deutschland, bleiche Mutter", 1961) steht im formalen Widerstreit zur dramatischen Körpersprache seines Gekreuzigten („Das endlose Kreuz – Irrgarten des Glaubens", 1980/82).

Zusammen mit der „Kreuzigungsgruppe" (1989) von Frank Seidel (1959) und den surrealen Charakterköpfen von Dieter Tucholke werden sie zu einem vielstimmigen, existentiellen Menetekel auf den Verlust des Individuellen - und das vor der Auflösung der DDR und am Ende des „Kurzen 20. Jahrhundert" (Eric Hobsbawn). Doch schon in den späten 50ern wandten sich Werner Stötzer (1931) und Wieland Förster (1930) gegen den vorherrschenden Figurenstil des sozialistischen Realismus. Sie sahen den Verlust des rein Plastischen sowie den des klar Skulpturalen. Stötzer verblieb im spannungsreichen Nonfinito des Steins und kultivierte dessen Materialästhetik („Kleine Auschwitzgruppe", 1973/74). Wieland Förster hingegen konzentrierte sich auf die Plastik („Trauernder Mann", 1973/74; „Pablo Neruda", 1974/75). Existentielles durchzieht ihr gesamtes Schaffen, und ihr Einfluss auf die nachfolgenden Generationen ist immens.
 

Die Aufnahme von Anregungen aus der DADA-Geschichte, dem Expressionismus, aus der Pop Art oder von außereuropäischen Kulturen erfolgte vorrangig seitens der Maler. Zu ihnen zählen Frieder Heinze (1950) mit seinem schon fast zum Museumslogo gewordenen, mit Pictogrammen übersäten „Mann", die Berlinerin Karin Sakrowski (1942) mit dem behutsam bemalten, lyrisch-versonnenen Porträt sowie Tucholkes mannshohes Objekt „..zur preußischen Geschichte" (1979/80). Nicht zuletzt belebten Quereinsteiger wie der Dresdner Peter Makolies (1936) (gelernter Steinmetz) oder Autodidakten wie der Lausitzer Einzelgänger Horst Bachmann (1927) die Szene.

Ihre Werke fanden so gut wie keinen Platz in den Museen der DDR. Doch das Museum Junge Kunst konnte noch Ende der 80er Jahre von ihnen wesentliche Arbeiten erwerben. Damit besitzt es eine einmalige Sammlung mit figurativen Werken. Sie vereint die Traditionalisten mit denen, für die das akademische Figurenmaß und der Materialethos wenig galten.

Armin Hauer


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