26.10.2003 - 23.11.2003
RASTER

 

AKTUELLE KUNST AUS POLEN
Malerei, Fotografie, Video

AZORRO, RAFAL BUJNOWSKI (1974,WADOWICE),
MALGORZATA JABLONSKA (MARGARETKA)
(1976,GLIWICE),
MARCIN MACIEJOWSKI
(1974,KRAKOW), MAGISTERS
in Zusammenarbeit mit Ryszard Górecki und der Galerie Raster (Warschau)


In enger Zusammenarbeit mit dem Kurator Ryszard Górecki und der Warschauer Galerie RASTER entstand dieses Projekt. Schon vor zwei Jahren war eine Galerie aus Kraków zu Gast, die sich vorrangig dem künstlerischen Nachwuchs widmete. Nun die zweite Galerie, die die Enkel der Postmoderne im In- und Ausland vertritt und ihre oftmals ersten Schritte im Betriebssystem Kunst ermöglicht. RASTER entwickelte sich im Frühjahr 2001 aus dem gleichnamigen Kunstmagazin. Ihre Gründer sind Joanna Kaimer, Lukasz Gorczyca und Michal Kaczynski. Neben Ausstellungen und Präsenz auf den Messen zählen zu ihren weiteren Aktivitäten die Unterstützung von Filmprojekten, die Organisation von Künstlerforen und von temporären Projekten. Wesentlich erscheint an ihrem Programm, dass sich trotz der Unterschiede „ihre" Künstler mit der Realität in diesem Lande auseinandersetzen, sie dokumentieren, inszenieren, demontieren und parodieren vermeintliche Notwendigkeiten. Dabei spielt das traditionelle Medium Malerei eine ebenso wichtige Rolle wie die inszenierte Fotografie, das Video und der Computer. Zu Gast sind in den sechs Räumen des Packhofes zwei Künstlergruppen und drei Künstler.

 

Die Gruppe AZORRO gründete sich im gleichen Jahr wie die Galerie. Zu ihr gehören die multimedial arbeitenden Künstler Oskar Dawicki (1971) und Lukas Skapski (1958) aus Kraków sowie die Warschauer Igor Krenz (1959) und Wojciech Niedzielko (1959). Ihr Fachgebiet ist die Kunstwelt. Ihre Philosophie besagt, dass diese Welt durchsetzt ist mit Pessimismus, Horror, prinzipieller Schlechtigkeit und inszenierten Skandalen. Dennoch ist sie voller Langeweile, dazu noch dem Leben gegenüber anmaßend und trotz alledem phantasielos. Die scharfsinnige und listenreiche Entlarvung dieser Schmierenkomödie ist ihr Rezept, um das alles auszuhalten.

Unter dem Namen Margaretka ist die Absolventin der Kunstakademie Kraków im Internet anzutreffen. Mit ihrem bürgerlichen Namen Malgorzata Jablonska stellt sie Grafiken und Comicserien in den Ausstellungen vor. Sie bilden in ihrer Gänze eine Art privates Tagebuch. Die „Notate" basieren auf der Standardoptik von grafischen Computerprogrammen und erzählen Geschichten aus dem alltäglichen Leben (Wohnbereich, Haus und Nachbarschaft). Ihre „Handschrift" ist durch den typischen, distanzierten Stil zerpixelter Computerzeichen gekennzeichnet. Dennoch erhalten ihre Erzählungen und Sachberichte eine ganz eigenwillige Poesie, die an die der Gebrauchsgrafik in den 50er und 60er Jahren anknüpft.
 

Ebenfalls in Kraków studierte Rafal Bujnowski (Jahrgang 1974). Er nutzt das ihm dort vermittelte handwerkliche Rüstzeug des Malers und Zeichners, um seinem Credo: "Der Künstler sollte seine Umgebung verschönern – das ist sinnvoll", nachzukommen. Fernseher, Fernbedienung, Fenster, Bretter oder ein Papstporträt werden als handbemalte Objekte zu unbrauchbaren Zwillingsbrüdern des Realen. Die Modelle sind als solche zweckfrei und technisch sinnlos, imitieren das Äußere ihres Vorbildes, haben aber in ihrer Gesellschaft nichts zu suchen. Im Verständnis der Romantik ist ihre Nutzlosigkeit in unserem Verwertungs- und Verschleißkreislauf der Inbegriff des Kunstwerkes. In einem anderen Projekt zeichnet er lapidar Dinge aus  dem Haushalt und profane  Alltagsbegebenheiten und  fügt in der Typografie der Schreibmaschine ihre Bezeichnungen hinzu. Die sich daraus ergebende Tautologie verbleibt auf der Fläche und gerade dadurch wirkt sie beruhigend irritierend.

Die Malerei dient ebenfalls dem Krakówer Marcin Maciejowski als seine Möglichkeit der Bilderzeugung. Schlicht und desinteressiert an der Peinture gibt er Realitätsfragmente wider. Damit will er eine ungewöhnliche Dokumentation der polnischen Mentalität liefern. Sie setzt sich bei ihm aus Bildsequenzen zusammen, die wie skizzierte Szenen einer TV-Soap wirken und zu bildlichen Schlagzeilen in verblasster Farbigkeit einstiger Agitationsmalerei werden. Die Körpersprache der Figuren ist so emotional eindimensional, wie ihre eindeutigen Gesten aus lauter Klischees bestehen.
Es geht um Liebe und Sex, um Sport und militärische Leistungen, um Katastrophen und Tratsch. Die Frauen versuchen stets schön auszusehen und wollen immer sexy wirken; die Männer spielen die Rolle des Coolen und des Starken. Seine Malerei wird nicht zur Sozialkritik der bestehenden Situation, vielmehr sind seine Protagonisten alle irgendwie auf der Suche nach einer Identität, nach einer für sie passenden Rolle.

Hinter dem Namen MAGISTERS verbergen sich die beiden promovierten Absolventen der Krakówer Kunstakademie Hubert Czerepok (1973) und Zbigniew Rogalski (1974). Ihr nihilistischer Ansatz verwirft jegliche Ordnungsvorstellung und Sinndeutung im Leben. Mittels inszenierter Aktionen verballhornen sie die alltägliche Langeweile und deren Handlungsabläufe. Es bleiben von diesen Perfomances Fotografien und Filme, die die absurdesten Situationen dokumentieren: ein dämliches Dauergrinsen, ein schmerzvoll verrenkter Körper im Treppenflur, eine über den Kopf gezerrte Jacke oder der kraftvolle Versuch, ein Gebäude beiseite zu schieben.

Armin Hauer

 

 


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