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Beiträge zu "Kunstmuseen als Orte kultureller Bildung"

 

Anlässlich der Ausstellungseröffnung „Neuerwerbungen“ am 29.01.2012 äußerten sich Studentinnen der Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina zum Thema „Kulturelle Bildung“

Clotilde Ané

Susanne Dräger

Anne Frenkel

Nadine Bednorz


Clotilde Ané: Kunstmuseen als Orte kultureller Bildung

Mein Name ist Clotilde Ané. Geboren bin ich 1992 in der Nähe von Paris. Seit 2010 studiere ich Fremdsprachen an der Universität Reims. Innerhalb des Erasmus-Stipendiums suchte ich mir Deutschland aus, um hier ein Jahr an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) Kulturwissenschaften zu studieren. Meine Universität Reims forderte zusätzlich ein 280 stündiges Praktikum. Ich wählte mir hierzu das Museum Junge Kunst aus. Da ich weder über deutsche noch über zeitgenössische Kunst informiert war, stellte diese zukünftige Arbeit eine große Herausforderung für mich dar.

Alle Aufgaben habe ich von der Direktorin des Museums erhalten, die auch täglich meine Ergebnisse prüfte und mich in die unterschiedlichsten Bereiche der Museumsarbeit einwies.
Handreichungen und technische Unterstützung konnte ich hier bei der Auswahl von zahlreichen Schenkungen des Bremer Künstlers Claus Hänsel geben. Ich bin so in die Bildwelt, das heißt in die künstlerische Besonderheit seines Schaffens, eingedrungen. Darüber hinaus habe ich auch in Museumskatalogen über Person und Werk von Claus Hänsel nachlesen können.
Auch bei der Katalogisierung von Aquarellen des Bestandes habe ich mitarbeiten dürfen und die unterschiedliche Bildwelt dieser faszinierenden Künstler kennen lernen dürfen.
Da es sehr wenige Mitarbeiter in diesem Museum gibt, habe ich die Restbestände von Jahresprogrammen und Einladungen aus zwanzig Jahren Museumsarbeit geordnet, was die Direktorin besonders gefreut hat, weil sie viele dieser Schriftstücke schon lange gesucht hat.
Auch an Führungen und einer Ausstellungseröffnung habe ich teilgenommen. Gerade diese Eröffnung mit Arbeiten von Erika Stürmer-Alex hat mir besonders gefallen. Ich konnte sogar mit der Künstlerin sprechen und werde sie demnächst im Atelier besuchen. Hätte ich nicht im Museum Junge Kunst gearbeitet und die Ausstellung nicht besucht und auch nicht mit der Künstlerin gesprochen, wären mir ihre Arbeiten völlig fremd geblieben. Jetzt habe ich Zugang zu ihrem Werk gefunden und freue mich schon auf die persönliche Begegnung.
In Vorbereitung der Ausstellung „Entartete Kunst, Angriff auf die Moderne“, die die Direktorin gerade vorbereitet, habe ich aus der Literatur der Universität wesentliche politische Daten aus den Jahren 1920 – 1945 herausgesucht, die kennzeichnend für das faschistische Terrorregime waren. Auch hier konnte ich mein Wissen über die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus in Deutschland vervollständigen. Aus dem von mir Aufgezählten wird erkennbar, dass Kunstmuseen nicht nur für die Besucher, sondern auch für mich, unverzichtbare Orte der kulturellen Bildung waren und bleiben werden. Das Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) wird auch zukünftig ein solcher Ort für mich sein, da wir das Internet haben und ich die Arbeit dieses Museums, das mir ans Herz gewachsen ist, weiter verfolgen werde.

30.04.2013

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Susanne Dräger: Kunstmuseen als Orte kultureller Bildung:

Susanne Dräger

Ein Museum ist ein ganz besonderer Ort. In einzigartiger Weise verbindet es individuelle Auffassungsgabe und Erlebtes mit umfassenden Thematiken des gesellschaftlichen Kollektivs. Das Betrachten von Kunst steht jedoch in Abhängigkeit zum Betrachter an sich und dessen Eigenschaften. Es wird eine Reflexion gefordert, welche die persönliche Ebene überschreitet und sozialgeschichtliche, politische, philosophische und kunsthistorische Kenntnisse voraussetzt. Je stärker diese Reflexion abläuft oder je mehr Möglichkeiten der Interpretation entstehen, desto intensiver  können  das „ Lesen des  Kunstwerks“ und  die Deutung  der Kunst erfolgen.

Die Malerin Tremezza von Brentano (geb. 1942) schafft, bei gezielter  und  von Wissen begleiteter Auseinander-setzung mit ihrem Gemälde „Rosa Kleidung mit drei Rehen“ eine Brücke zwischen dem individuellen und dem, durch Massenmedien geprägtem Bild der Schönheit. Aus dem Kunstwerk gehen somit auch prinzipielle Problemfelder der Gesellschaft hervor, wie etwa Oberflächlichkeit, Schnelllebigkeit und die damit verbundene Lebensweise, die unser tägliches soziales Sein beeinflusst. 1)
Genau auf diese oder ähnliche Schwierigkeiten des Lebens nimmt die Kunst Bezug. Auch wenn es manchmal nur das Farbzusammenspiel eines Gemäldes ist, welches uns berührt, ergibt sich daraus eine Rückbesinnung auf das eigene innere Ich und somit auch auf die  Gefühle jenes Einzelnen. Das Aufeinandertreffen von Kunstbetrachter und Künstler ist dabei nützlich um den Kreislauf aus Sehen, Fühlen und Verstehen im Austausch zu festigen und zu leiten  und Schritte der Erkenntnis zu teilen. Kunst ist dabei nicht zwangsläufig das handwerklich Perfekte, das Erhabene, das Schöne und das subjektiv Gefallende, sondern zeichnet sich vielmehr durch eine ausgeglichene ästhetische Grundposition und die Bedingungen seines Entstehens aus. 2)
Aus dieser Perspektive ergibt sich die Bejahung der Fragestellung, ob ein Kunstmuseum ein Ort der kulturellen Bildung sei, denn ein Kunstwerk ist als „Zeugnis der Zeit“ in der es entstand wie ein offenes Buch der sozialen und historischen Geschichte zu betrachten. Der Anspruch an den Betrachter liegt dabei auf der Voraussetzung des Wissens um Kunst, Gesellschaft und Geschichte und dem Interesse an diesen umfassenden Themen, denn nur ein geschultes Auge und ein offener Geist lassen uns die Geheimnisse der Kunst und des Lebens erfahren.

1) Vgl.: Rieger-Jähner (2011) "Rosa Kleidung mit Rehen"
2) Vgl.: Rieger-Jähner (2011)

 

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Anne Frenkel

Anne Frenkel:  Kunstmuseen als oft unterschätzte Orte kultureller Bildung

Kunstmuseen sollten für jedermann da sein. Allen, egal ob jung oder alt, gleich ob Laie oder Kunstexperte steht es frei, Orte an denen Wissen vermittelt wird und Selbstbildung stattfindet, zu besuchen. Ausnahmslos jeder sollte willkommen sein und das Recht haben sich durch die Kunst weiterzubilden und seinen Blick auf unsere Welt und Umwelt der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schärfen.
Die Welt in der wir leben hat sich im laufe der Jahre gewandelt. Die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit und die damit verbundene Reizüberflutung und Arbeitsverdichtung lässt den Menschen kaum Freiraum für eigene Gedanken und kritische Hinterfragungen des Lebens.

Die Studenten der Kulturwissenschaft an der Europa-Universität sind neugierig und wissbegierig. Die zumeist Anfang 20-jährigen sind in einem Alter, in dem sie sich häufig die Sinnfrage des Lebens stellen. Auch sie müssen sich durch das relativ neue Studiensystem mit Bachelor- und Masterstudiengängen an die Schnelligkeit des Studiums anpassen und sich diesem unterwerfen.
Zudem studieren sie teilweise gegen ihre individuelle Lebensgeschwindigkeit. Heute sollen die Studenten so schnell wie möglich das Studium abschließen und in das Berufsleben einsteigen und haben oft keine Zeit den Stoff kritisch zu hinterfragen. Auch habe ich das Gefühl, dass sich leider zu wenige Studenten die Zeit für einen Museumsbesuch nehmen, welcher zusätzlich zu ihrer Bildung beitragen würde. Da der Großteil der KUWI-Studenten aus Berlin kommt, verpassen sie womöglich die Gelegenheit für einige Momente in einem Ort zu verweilen (Museum Junge Kunst), in dem die Zeit keine Rolle zu spielen scheint.
Denn heutzutage gilt das Sprichwort „Zeit ist Geld“ mehr denn je. Geld und Besitz haben einen größeren Stellenwert bekommen. Auch die Medien und die Werbung tragen einen nicht zu unterschätzenden Teil dazu bei, die Gesellschaft durch Materialismus und Oberflächlichkeit zu manipulieren. Schon viele junge Leute streben nach Perfektion und Schönheit, die ihnen zum Beispiel durch strahlende, glücklich aussehende und retuschierte Modells in bunten Zeitschriften, aus dem Fernsehen und von der Werbeindustrie vorgespielt und als wirkliches Schönheitsideal verkauft wird.
Der Jugend- und Fitnesswahn kennt keine Grenzen und kann gefährlich werden. Wobei nicht zuletzt die Medien das Bild von der Welt verzerren.
Zusätzlich leben wir in einer Konsumwelt, in einer Wegwerf- und Überflussgesellschaft, die uns klar machen will, dass das Äußere und das, was wir besitzen und anhäufen, alles ist, was zählt. Zuletzt geht es dabei aber nicht um uns, sondern um unser Geld und damit um Macht, wie sie nur durch Mehrheiten zu erreichen ist. Dabei ist es letztlich egal, ob es sich dabei um Einschaltquoten oder Besucherrekorde handelt, die uns betäuben und vergessen lassen sollen, was wirklich zählt in der Welt.
Mit Fragen, nach dem was zählt, setzen sich die in dieser Ausstellung vertretenen Künstler in sehr unterschiedlicher Weise auseinander. Besonders spannend ist es, wenn man einen von Ihnen kennen lernen und befragen darf. So erhält man einen einmaligen Einblick in das jeweilige künstlerische Schaffen, aber auch Antworten auf ungeklärte bzw. schwer zu beantwortende Fragen und darüber hinaus noch Einblicke in die individuelle Interpretation des Autors. Manche Antworten könnten jedoch auch die subjektiven Ansichten und Phantasien des Betrachters enttäuschen. Denn während Museen Orte der freien Meinungsbildung und des Gedankenaustausches sind, ist Kunst ein subjektives Meinungsempfinden, bei dem es kein richtig oder falsch gibt.
Außerdem kann das Gespräch mit Andersdenkenden die unmittelbare Gegenwart ebenso wie die Vergangenheit wieder erfahrbar und fassbar machen, aber auch die eigene Sicht relativieren bzw. bestärken. Auch ist es möglich, dass durch das Erleben von Originalen das Erschaffene deutlicher auf den Betrachter einwirken, ihn stärker erreichen und beeinflussen kann.
Letztlich wundert es mich, dass Kunstmuseen in ihrer sinnlichen und intellektuellen Wirkung und Bedeutung als Orte kultureller Bildung oft von ihren Trägern unterschätzt werden.
Denn die Kunst hat die Kraft den verdrängten oder in den Hintergrund geratenen Sinn des Lebens, den Platz in der Welt und die Einstellung zu dieser zu hinterfragen und möglicherweise neu zu bestimmen.
Sie kann überraschen, faszinieren und beunruhigen, sie vermag es dem Betrachter die Augen zu öffnen, ihn wachzurütteln, zu prägen und seine Sicht auf die Dinge gar umzukehren.

 

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Nadine Bednorz

Nadine Bednorz: Kunstmuseen als Orte kultureller Bildung

Es finden sich eine Vielzahl an Möglichkeiten der Teilhabe an kultureller Bildung, sowohl im öffentlichen- als auch im privatwirtschaftlichen Sektor, wobei das Museum, durch seine Arbeit des Sammelns, Erforschens, Bewahrens und Ausstellens von Kunst für die Besucher generell kulturell bildend wirkt.
An dieser Stelle möchte ich eine kurze Definition des Begriffes Bildung, wie sie Dr. Karl Ermert1 vorschlägt, geben: „ Bildung im Ergebnis meint einen Zustand, in dem der Mensch selbstverantwortlich fähig  ist, sein Leben  erfolgreich zu gestalten. Das betrifft die personale (Innen-) Perspektive  ebenso wie  die gesellschaftliche (Außen-) Perspek-

tive. Dazu gehören Sachwissen, praktische Handlungskompetenzen, emotionale Kompetenzen und die Fähigkeit der Selbstreflexion, also Orientierungswissen. „Gebildet sein“ ist im Übrigen keine absolute, sondern eine relativ zu den lebensweltlichen Bezügen des Menschen zu bestimmende Größe. Insoweit sich der Mensch, seine Lebenslagen und seine Bezugswelten im Laufe des Lebens verändern, ist Bildung nie abgeschlossen. Vielmehr sind Bildung und Lernen eine das gesamte Leben begleitende Aufgabe und Chance.“2
Bei dem aktiven Besuch eines Museums, sei es zeitgenössischer- oder auch historischer Art setzt sich der Besucher durch das Medium der Künste mit sich, seiner Umwelt und der Gesellschaft auseinander. Durch die Möglichkeiten der intensiven Rezeption geistiger und künstlerische Tätigkeit, bzw. dessen Hervorbringung, schafft das Museum einen Zugang zu ästhetischer Erfahrung, welche wiederum zu Sinn und Sinnlichkeit führt, den Eigensinn stärkt und somit die eigene Wahrnehmungs-, Genuss-, Urteilsfähigkeit und Kreativität schult.3
Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass man sich .auf die ausgestellten Werke voll und ganz einlässt, was ein gewisses Maß an Konzentration und Ruhe erfordert. Zwei Aspekte, die in unserer schnelllebigen Zeit, mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden, die aber gerade in Bezug auf das Lernen sehr wichtige Schlüsselkompetenzen darstellen.

1 geb. 1946, Dr. phil., Germanist und Historiker, ist seit 1999 Leiter der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel.
2 Vgl. Dr. Ernert,K.: „Was ist  kulturelle Bildung?“, www1.bpb.de/themen/JUB24B,1,0, Was_ist_kulturelle_Bildung.html3
3 Scheytt, O.: Kulturstaat Deutschland, Plädoyer für eine aktivierende Kulturpolitik, 2008, transcript Verlag, Bielefeld, S.217


Kulturelle Bildung
Statements anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Neuerwerbungen Teil I“ des Museums Junge Kunst am 29. Januar 2012 gegenüber WMZ TV Frankfurt (Oder)

Dr. Gunter Pleuger

Professorin Dr.
Sabine Kunst

Professor Dr.
Hans N. Weiler

Professorin Dr. Dr. h.c.
Gesine Schwan

Ein Beitrag anlässlich der Eröffnung vom Präsidenten der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), Herrn Dr. Gunter Pleuger

Wir arbeiten ja über drei Jahre in enger Kooperation mit dem Museum weil wir glauben, dass Kunst auch ein wichtiger Teil der Wissenschaft ist. Sehen sie, Kunst kann normalerweise die Wirklichkeit reflektieren aber sie kann auch die Zukunft gestalten mit neuen Ansichten, mit neuen Darstellungen, mit neuen Einsichten und schließlich kann die Kunst auch die Zukunft verändern, durch Provokation, durch Protest. Denken sie an Maler wie Otto Dix oder George Kross und die Funktion, die verschiedenen Funktionen der Kunst sind erwünscht in einer freien Gesellschaft und werden bekämpft in autoritären Gesellschaften. Das zeigt, wie stark der Einfluss der Kunst sein kann und damit ist Kunst für uns als Universität immer auch ein Ausdruck von Freiheit und Freiheit des Gedankens gehört zur Kunst wie zur Wissenschaft.

Dr. Gunter Pleuger

Deshalb sind wir der Auffassung, dass dieses Museum und die Kunst im Allgemeinen ein integraler Teil der Universitas Litterarum Viadrina ist.

Kunst ist eine Form der Kommunikation, die kunsttheoretische, sozialgeschichtliche, philosophische und auch politische Kenntnisse miteinander verbindet:

Kunst reflektiert den Zeitgeist, die politische und  gesellschaftliche Wirklichkeit

Kunst gestaltet aber auch durch neue Wahrnehmung und neuen Ausdruck die Zukunft

Kunst kann in Form von Kritik, Provokation und Protest auch zur gesellschaftlichen und politischen Veränderung beitragen, wie z.B. die Werke von Otto Dix und George Grosz zeigen

In offenen Gesellschaften ist das erwünscht, in autoritären Verhältnissen wird dies von den Machthabern für gefährlich gehalten und entweder versucht, die Kunst gleichzuschalten oder zu bekämpfen

Kunst ist daher nicht nur Kommunikation, sondern immer auch Ausdruck der Gedankenfreiheit und somit Teil der Universitas litterarum Viadrina

 

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Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Frau Prof. Dr. Sabine Kunst:

Prof. Dr. Ing. Dr. Sabine Kunst, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

Dieses Museum für die neue Kunst in Frankfurt (Oder) hat eine hohe Bedeutung für das Land und auch über das Land hinaus, weil hier die Kunst Ostdeutschlands gesammelt wird, und zwar sowohl das, was man historisch finden konnte als auch das, was bis in die Gegenwart hinein produziert wird. Von da her bietet dieses Museum etwas, was sonst kein anderes Museum hat.
Dieses Museum hier in Frankfurt ist schon lange unterwegs in der Kooperation mit oder für kulturelle Bildung, also der Verbund und die Akquisition von Kindern und Jugendlichen für das Museum mit herausragendem Erfolg.
Kulturelle Bildung ist für das Land eine der wichtigsten kulturpolitischen Aufgaben der

nächsten Jahre und von daher auch dieses Museum mit seinen Erfahrungen, seinen Ideen, seinen Projekten und den Erfolgen.
Sammlungen im Museum müssen leben. D.h., es ist nötig, auch Dinge, die neu geschaffen werden, hier und jetzt, dass man die kaufen kann um zu sehen, was aus ihnen wird. Es ist hier im Museum ein großer Sachverstand gebunden und vorhanden, so dass die Kompetenz besteht, wirklich die besten Werke mit auszuwählen und daher ist es so etwas, wie die Dokumentation des Gegenwärtigen im Feld der Kunst.


Professor Dr. Emeritus der Stanford University, ehemaliger Rektor der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) Hans N. Weiler, 30.04.2012:

Die erste Begegnung mit einem Museum, an die ich mich erinnere, war buchstäblich katastrophal. Sie fand statt in einer der Bombennächte des II. Weltkriegs, als unser Haus in Krefeld in Schutt und Asche lag und ich, damals neun Jahre alt, mit hunderten von anderen Bombenopfern auf den Treppen und Gängen des Kaiser-Wilhelm-Museums Zuflucht fand. Die warme Decke, die mein Vater für mich gefunden hatte, war mir wichtiger als all die große Kunst um mich herum.
Seither hat sich in meinem Verhältnis zu Museen viel verändert. Sie sind mir über die Jahre zu lieben und anregenden Orten und zu wichtigen Meilensteinen auf meinen Wanderungen durch die Kulturen der Welt geworden: London, Paris, Berlin, Kairo, New York, Wien, aber auch Denver, Colmar, Emden, Mönchengladbach oder Kraków sind in

Professor Dr. Hans N. Weiler

meiner Erinnerung vor allem durch ihre Museen präsent und lebendig, und meine Zeit in Frankfurt (Oder) wäre sehr viel ärmer gewesen ohne die wohltuenden Ausflüge in die Rathaushalle und die anderen Ausstellungen des Museums Junge Kunst.
Aber für mich als Sozialwissenschaftler, der sich ein Leben lang mit der gesellschaftlichen Funktion von Bildung beschäftigt hat, sind Museen auch ein zentrales Instrument für den Prozess, in dem sich Gesellschaften ihrer eigenen Identität versichern und sich mit ihrer eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kritisch auseinandersetzen – mit anderen Worten: sie werden immer wieder zu wichtigen und dauerhaften Instrumenten kultureller Bildung. Das Whitney Museum of American Art oder das Museum of Modern Art in New York sind für die USA ein ebenso wichtiger Ort der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung wie das Centre Pompidou und das Musée d’Orsay für Frankreich oder die Alte und Neue Nationalgalerie für Deutschland. Gleichzeitig eröffnen Sammlungen wie die lateinamerikanischer Kunst in Houston oder das Musée Branly in Paris oder die großen Sammlungen in Dahlem Brücken zu anderen Kulturen und ein Verständnis ihrer Rolle in der Welt von gestern und morgen.
All diese Schätze aber werden als Quellen kultureller Bildung nur wirksam, wenn Museen sich nicht nur als Stätten der Bewahrung und Ausstellung von Kunst, sondern als offensive Partner eines ständigen Dialogs mit den verschiedensten Gruppen der Gesellschaft verstehen. Museen dürfen nicht darauf warten, dass sie und ihre Schätze aufgesucht und ehrfürchtig betrachtet werden – sie müssen von sich aus auf diejenigen zugehen, denen ihre Kunstwerke etwas zu sagen haben: Kinder, alte Menschen, Kranke, Arbeitslose. Fast die Hälfte aller Krankenhäuser in den USA arbeiten zusammen mit Kunstmuseen, um Kunstwerke und künstlerische Betätigung zu einem Teil des Heilungsprozesses zu machen; die Zusammenarbeit zwischen dem Fine Arts Museum in Boston und dem Kinderkrankenhaus von Boston gilt als beispielhaft.
„Museumspädagogik“ hat längst ihre verstaubte Tradition hinter sich gelassen und ist zu einem lebendigen und kreativen Spielfeld zwischen Museen, Schulen, Krankenhäusern, Universitäten, Altenheimen und Kindergärten geworden, und es ist kein Zufall, dass so gut wie alle bedeutenden Universitäten Amerikas ihre eigenen und in den akademischen Lernprozess integrierten Kunstmuseen haben, von der ehrwürdigen Yale University Art Gallery von 1832 bis zum fast fertigen neuen Kunstmuseum der Michigan State University, und vom Nasher Museum der Duke University bis zum Cantor Museum an meiner eigenen Universität in Stanford. Museen sind zu einem integralen und unverzichtbaren Bestandteil unserer modernen Bildungssysteme geworden; auf die geistigen und kulturellen Einsichten, die sie vermitteln, kann keine Gesellschaft verzichten.

 

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Professorin Dr. Dr. h.c. Gesine Schwan, Humboldt-Viadrina School of Governance, ehemalige Rektorin der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), 09.05.2012:

Beitrag zum Thema: „Kunstmuseen als Orte kultureller Bildung, als unverzichtbare Orte kultureller Bildung und als oft unterschätze Orte kultureller Bildung“

Profesorin Dr. Dr. h.c. Gesine Schwan

Zeiten des Sparens – und wann sind solche Zeiten nicht? – meinen viele, man könnte am leichtesten bei der Kultur sparen, weil sie zum „Wesentlichen“: der Wirtschaft und neuen Arbeitsplätzen, nichts Wichtiges beizutragen habe. Früher sagte man das übrigens auch über die Bildung. Seitdem auf diesem Feld etwas mehr Einsicht eingekehrt ist, wenn auch noch nicht zureichend im Sinne eines wirklich substanziellen Bildungsverständnisses, erscheint nun die Kultur als der verbleibende „Schnörkel“, den man nicht so sehr braucht. Braucht: wozu?
Wir haben in den letzten ca. 25 Jahren eine vorher nicht gekannte Konzentration in allen gesellschaftlichen Teilbereichen auf den wirtschaftlichen Ertrag als das entscheidende Kriterium für den Wert bzw. den Erfolg einer Institution oder eines Werks erlebt, in allen Teilbereichen der Gesellschaft, nicht nur in der Wirtschaft: Wenn eine Universität hohe Drittmittel eingeworben hat, gewinnt sie enorm an Reputation, nach der Qualität ihrer Forschung und Lehre braucht man dann gar nicht mehr zu fragen. Krankenhäuser müssen rentabel sein und ihre teuren Untersuchungsgeräte
ren-

tabel einsetzen, ganz gleich, ob Patienten solche Untersuchungen brauchen oder nicht. Der Erfolg im Wettbewerb war über lange Zeit das A und O.
Die Folge dieser kulturellen Verengung der Erfolgskriterien auf die wirtschaftliche Bedeutung eines Werks oder einer Institution hat zu einer Verflachung und zu einer Besorgnis erregenden Verengung unseres Denkens und Fühlens geführt, die viele Menschen zu stören beginnt, weshalb sie inzwischen glücklicherweise nach Alternativen suchen. „Life-Work-Balance“ heißt das entsprechende Code-Wort in der Betriebswirtschaft. Denn wonach alle neben Essen, Trinken, einem Dach überm Kopf und zureichender Kleidung als Mindestausstattung ihrer physischen Existenz vor allem suchen ist die Anerkennung ihrer Person und ein Sinn für ihr Leben, den sie im materiellen Wohlsein allein jedenfalls nicht finden werden. Es ist meines Erachtens kein Zufall, dass in den letzten Jahren der Vorherrschaft ökonomischer Rentabilität als Motiv und Qualitätserfolg unseres Handelns die Depression als Volkskrankheit immer mehr um sich gegriffen hat.
Das liegt sicher auch an der zunehmenden Intensität der Arbeitswelt, die immer weniger mit persönlichen Beziehungen, insbesondere mit einem gelungenen Familienleben vereinbar ist. Aber die Hegemonie der ökono-misch-materiellen Eindimensionalität, die uns die Chance raubt, nach Sinn für unser Leben zu suchen, trägt dazu ebenfalls erheblich bei.
Wo Sinn zu finden ist: in unseren persönlichen Beziehungen, in unserem Beruf als „Berufung“, in  politischer Teilhabe, in der Religion, in der Kunst oder in allem zusammen – das muss jeder für sich herausfinden und entscheiden. Für viele in unserer säkularen Welt kommt die Religion nicht mehr in Betracht. Wenn sie die empirische Welt übersteigen wollen in eine Sphäre, die  den Alltag transzendiert und grundsätzliche, man könnte in der Sprache der Philosophie auch sagen: metaphysische Fragen nach unserem Leben, unserem Ort in der Welt, dem Sinn unseres Daseins zumindest aufwirft, aber auch Antworten versucht, dann bietet die Kunst dafür eine großartige Chance und einen weiten Raum. Sie durchbricht das Gewohnte, sublimiert, schockiert zuweilen, entwirft Alternativen zu unserer Alltagswelt.
Das gilt besonders für zeitgenössische Kunst. Um ihr näher zu kommen, müssen wir uns in einen Dialog mit ihr und mit uns selbst begeben, weil wir als Partner der Interpretation gebraucht werden. Zwar gibt sie keine eindeutigen oder gar einfachen Antworten. Aber sie eröffnet uns Welten, damit einen Reichtum, der uns möglicherweise einen neuen Blick schenkt auf die Welt, in der wir leben, auf Probleme ebenso wie auf einen Reichtum an Gedanken, Assoziationen, Farben, der uns in der Konzentration auf das Funktionieren im Alltag verloren zu gehen droht. Vielleicht bietet sie uns mit dem Blick auf das ganz Andere auch eine Brücke zu anderen Menschen, zu solchen, die uns verschlossen geblieben waren oder von denen wir uns einfach abgewendet haben, weil sie uns so fremd erschienen. Damit könnte sie indirekt, also ohne direkte oder simple Antworten zu geben, auch neue Sinn-Chancen eröffnen, die in neuen Beziehungen liegen könnten.
Was dabei „kulturelle“ Bildung im Unterschied z.B. zu intellektueller, musikalischer oder beruflicher Bildung heißen soll, ist nicht ganz eindeutig. Denn „Kultur“ umfasst eigentlich alles, was nicht „von Natur“ da ist, und das ist das Meiste, was uns begegnet. Auf jeden Fall aber können wir Kultur als das von Menschen Gemachte besser verstehen,  wenn wir Kunst kennen, verstehen und lieben gelernt haben, weil sie uns einübt, Zugang zu gewinnen zu unterschiedlichen Perspektiven und Weltentwürfen. Das ist für sich allein bereits eine Freude, wie alles Verstehen, das uns immer aus der Gefahr der Isolierung hilft.
Vielleicht wirft solches Kunst-Verstehen sogar etwas für die Wirtschaft ab. Denn ein wichtiges Element ihres Erfolgs sind Einfallsreichtum und Innovation, die beide zentral darauf angewiesen sind, dass wir uns angewöhnen, Alternativen zu denken, zu erfinden und zu verstehen.  Auch aus diesem Grund ist es töricht, „in Zeiten des Sparens“ auf Kunstmuseen zu verzichten. Wir wollen hoffen, dass dies bald ähnlich wie in Bezug auf die Bildung die Einsicht darein verstärkt, wie wertvoll, unverzichtbar Kunstmuseen als Orte kultureller Bildung sind. Das sollten wir nicht unterschätzen!


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