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DIETER ZIMMERMANN (1942)

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»Ein Tänzchen…« · 1984/85,
Tusche, Kreide, Aquarell · 35,8 x 47,2cm
bez. r.u. Zim. 84/85 · erworben 1986 

Die Vielfalt des Alltags mit allen Sinnen immer wieder neu zu entdecken, wer kann von sich behaupten, dass er dazu in der Lage wäre? Dieter Zimmermann aus dem kleinen Dorf Bramow in der Niederlausitz ist zu diesen spannend überraschenden Erkundungen nicht nur fähig, sondern er nimmt uns auch mit auf seine optischen Entdeckungsfahrten von skurriler Alltäglichkeit. Die Mentalität des Künstlers, die es ihm ermöglicht, hintergründig Spannendes im vordergründig Banalen zu erkennen, beschreibt sein Künstlerkollege Rainer Zille treffend mit den Worten: »Der Maler Dieter Zimmermann, selbst ein liebenswerter Kauz, scheint um die Geheimnisse der Tiere, Pflanzen und Dinge zu wissen. Diese teilt er uns in den uralten und doch immer wieder neuen Sprache der Bildzeichen mit. Sein feiner Humor im Leben wie in der Arbeit versetzen ihn in die Lage, hinter die Dinge zu sehen.«180
So ist es das dörfliche Lebensumfeld des Künstlers, das die Thematik seiner Werke bestimmt. Konkrete Anlässe, die nicht selten in lokalen Bräuchen verwurzelt sind, kolportiert von den Dorfbewohnern oder selbst miterlebt, bilden den Auslöser für die Gestaltung. Ob es sich nun um einen einzelnen Gegenstand handelt oder um ein Konglomerat von Geschehnissen, bilderbuchartig konfrontiert uns Zimmermann mit Skurrilem. Eine dichte Folge von Hinterglasbildern, die im Zeitraum von 1979 bis 1983 entstanden, bilden neben unzähligen Notizskizzen den breit gefächerten Gestaltungsfundus. Ausgewählt aus diesem ergießt sich eine Vielfalt von Themen und Formen auf den großformatigen Gemälden ebenso wie den Zeichnungen sinnflutartig auf die Fläche. In bilderbogenartiger Rasterung von unregelmäßigen Feldern spielt sich hier das vielgestaltige Geschehen ab. Dennoch entwickelt sich aus der Vielfalt von Einzelbildern keine fortlaufende Handlung, sondern jede der Darstellungen steht für sich.

Auf dem vorgestellten Blatt wurde die Spruchweisheit »Ein Tänzchen in Ehren kann keiner verwehren…« vom Künstler nicht allein zum Titel gewählt. Wie immer wurde dieser von ihm facettenreich ausgelegt. Neben mehreren hoch- und querformatigen Feldern, die sich dem Tanz widmen, sind auch solche zu finden, die scheinbar nur wenig mit dem Thema zu tun haben. Ein männlicher Rückenakt, der sich einer Gruppe von Betrachtern darbietet, ist hier ebenso zu finden wie weibliche Akttorsi. Aber auch verschiedenste Tiere entdeckt man und sogar ein Teufelchen vor dem schwankenden Tisch mit Glas und Flasche, das makaber grinst, zeichnet sich doch hinter ihm ein überdimensionierter fliegender Kater ab. In anderen Darstellungssegmenten finden wir Wörter in Spiegelschrift. Wie, wer, wo, woher, warum lauten diese. Es sind Fragen, die möglicherweise auch der Betrachter stellt, verbindet sich doch hier Reales mit Irrealem ebenso wie Szenen, die unabhängig vom Thema gestaltet wurden. Durch den gleichzeitigen Verzicht auf reale Größenverhältnisse wird das Phantastische des Gehalts noch verstärkt auf den Darstellungen hervorgehoben. Die bildteppichartige Vielfalt würde zu einem Formenchaos führen, besäße Zimmermann nicht eine virtuose Gestaltungskraft, die das Ganze durch ein formales Ordnungsprinzip zu bändigen versteht. Dieses beruht in allen seinen Arbeiten neben einer bewussten Flächenaufteilung auf der klaren Abgrenzung der einzelnen Bildteile voneinander. Aber auch die Farbigkeit strukturiert die Gestaltung, die sich trotz ihrer Vielfalt auch in diesem Blatt auf drei Töne von hellem Blau, Ocker und Schwarz konzentriert. Ein Gemisch von Tusche, Kreide und Aquarellfarbe ist so malerisch und nuanciert auf das Papier aufgetragen, so dass der nahe liegende Vergleich zum plakativen Comic nicht zutrifft. Fernab von jeglicher Idylle wird auch dieser Bildgehalt durch eine antiklassisch dissonante Gestaltung bestimmt, die den Bezug zur Kunst der Klassischen Moderne deutlich werden lässt. Darüber hinaus ist es aber auch eine nicht zu erlernende Naivität, die den Bildern Ursprünglichkeit und Kraft verleiht, wie sie vergleichsweise in der zweckfreien Malerei von Schizophrenen und Kindern anzutreffen ist.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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