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JOHANNES WÜSTEN (1896 - 1943)

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Der Seeteufel · 1931
Kupferstich · 21,8 x 26 cm · unbez., Nachlassstempel in
der Platte: 1931 JW (Monogramm ineinander verschlungen)
erworben 1970

In einem Brief von 1930 an Adolf Behne (1885–1948), den Kunsthistoriker und -kritiker und Autor unter anderem für die linksorientierte »Weltbühne«, teilt der in Görlitz Lebende mit: » Wir sind seit mehreren Jahren Kupferstecher, wir haben uns die Technik des Grabstichels als Präzisionstechnik ohne Zufallswerte sozusagen gegenseitig beigebracht. Diese Technik allein schon bedingt, dass sich die Arbeiten bis zu einem gewissen Grade ähnlich sehen./ Ich bin der älteste Stecher dieser drei Stecher, deshalb ihr Wortführer. Ich weiß gar nicht, ob diese Stiche Ihre Zustimmung finden werden, ich sende sie Ihnen aber, weil vielleicht doch diese Möglichkeit besteht und weil es uns außer in einer kürzlichen Sonderschau der »Juryfreien«, Berlin, noch nirgendwo in Kunstzentren gelungen ist, etwas kollektiv zu zeigen. Manche Kunsthändler betonen zwar öffentlich die Graphikpflege, aber in der Praxis stellt sie ihnen meist ein geringes »Handelsobjekt« dar: Graphik lohnt sich nicht.«59 In dieser Gruppe ist er nicht nur künstlerisch der Begabteste, er ist auch derjenige, der über das Technische hinaus einen kritisch-sarkastischen Blick weit über das Lausitzer provinzielle Umfeld hat. Nach einer Tischlerlehre 1914 nahm er eine Lehre bei dem Worpsweder Maler Otto Modersohn (1865–1943) auf und ging 1922 nach Görlitz. Er dichtete, schrieb Stücke und Artikel für linke Zeitungen, illustrierte unter anderem die Novelle von Theodor Storm (1817–1888) »Aquis submerus« 1931 und leitete die »Görlitzer Malschule«. Ab 1927 beschäftigte er sich zunächst mit der Kaltnadelradierung, um kurz danach die Grabsticheltechnik des nicht mehr zeitgemäßen Kupferstichs neu zu beleben. Ihm schwebte ein Anknüpfen an die Qualität und Popularität des längst verflossenen Ruhms von Martin Schongauer (1450–1491) und Albrecht Dürer (1471–1528) vor. 1932 trat er der KPD bei, setzte sich ab 1933 aktiv gegen den herrschenden Faschismus ein, emigrierte und wurde dennoch von den Nationalsozialisten gefangen: er starb 1943 im Zuchthaus Brandenburg.

Sein gewichtigster Beitrag für die neusachlich-veristische deutsche Kunstlandschaft gelang ihm 1928 bis 1934. Die Linienführung ist kalt und glasklar, dunkle Felder und Schatten werden mit dem Grabstichel in klassischer Weise als kürzere oder längere Parallel-, Schräg- und Kreuzlagen gesetzt. Sie lässt ein Panoptikum der endenden Weimarer Republik aufleben, in dem die skurrilen, piefigen, dumpf-verlogenen und machtbesessenen Typen auftreten. Ihre Kleidung und ihr Habitus weisen sie eindeutig als mal mehr oder weniger liebevolle Zeitgenossen aus. Gleich Insekten in einem Schaukasten (als Vertreter ihrer Art sozusagen) werden sie uns nun auf dem Papier überdeutlich vorgeführt. Individuelles weicht einer leicht ins Karikierende gehenden Gesinnungsverallgemeinerung. Etwas Anekdotisches zielt auf eine optische Pointe, dadurch erreicht er nicht die sozialkritische Schärfe eines George Grosz (1893–1959) oder Otto Dix (1891–1969) und auch nicht die existenzielle Deutungswucht eines Max Beckmann (1884–1950). Seine Akteure sind keine Stützen der Gesellschaft, sondern das rissige Fundament der untergehenden Weimarer Republik. Bei ihm macht sich eine beengend szenische Unheimlichkeit breit, die das zunächst Lächerliche oder zumindest ironisch Dargebrachte in eine gesellschaftliche Abgründigkeit gleiten lassen könnte. Doch der misanthropische Blick verliert sich, fertigt er Bildnisse von Freunden, von sich selbst und vom Revolutionsführer sowie Staatsmann der ersten kommunistischen Diktatur, Lenin, an.

Das Museum konnte über dreißig Arbeiten erwerben und ermöglicht das Kennenlernen eines in Vergessenheit geratenen deutschen Grafikers. Das Ereignis eines besonderen Fischfangs (»Der Seeteufel«) wird zum Anlass genommen, den neuesten Bademodechic zu präsentieren. Die Seeurlauber verkörpern mal sportlich, mal hager und dann wiederum etwas dick den Typenkatalog der Stadtneurotiker. Der Fischer im Boot und wohl ebenso der Fischfänger präsentieren den Arbeiterstand zu Wasser – kräftig, muskulös und Akteure der Szenerie. Der Fisch selbst ist alles andere als ein Teufel und flößt auch keinen Schrecken mehr ein.

In der DDR beriefen sich unter anderem der Kupferstecher Baldwin Zettel (1943) auf sein Werk, um nicht selten einen sezierend grotesk-bizarren Blick dem Leben im real existierenden Sozialismus überzustülpen.

Armin Hauer

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