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WOLFGANG SMY (1952)

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... über Wasser halten · 1991
Farbsiebdruck 44/47 ·  74,7 x 60,8 cm · 66,5 x 53 cm
bez. u.l. Über Wasser halten! – Aufl. 44/47,  Smy 
erworben 1991

Wolfgang Smy hatte von dem 13 Jahre älteren A.R.Penck noch nichts gehört, als er die für ihn typische Formensprache gefunden hatte. Das ist durchaus verständlich, denn als der Dresdner Smy 1979 seine Studien an den Kunsthochschulen in seiner Heimatstadt und Leipzig abbrach, reiste der Dresdner Penck knapp ein Jahr später aus der DDR aus. Dennoch werden Bezugspunkte sowohl im Naturell als auch im Werk beider Künstler erkennbar. Ihre Malerei und Grafik wird so von der Entmaterialisierung der Form bis hin zum flächigen Zeichen ebenso geprägt wie von der Vorliebe für eine von der Diagonale bestimmten Komposition, verbunden mit einer intensiv leuchtenden Farbigkeit. Aber auch eine unangepasste Widerständigkeit in der Symbiose von Leben und Kunst prägte beide. So wurde auch Smy bereits in seiner Kindheit und während seines Studiums mit der Problematik von Anpassung und Widerstand konfrontiert. Schon zu jener Zeit war ihm der Preis für das Dazugehören zu dieser oder jener Gruppe zu hoch, weil es letztlich mit der Unterordnung innerhalb der Gemeinschaft verbunden war. Konfrontation zu den herrschenden Ausbildungsformen und Opposition zu den vorgegebenen Orientierungs-normen war die Folge davon. Aber auch der Alltag in der DDR mit seinem dominierenden Grau vermochten dem Künstler die ersehnten optischen Sensationen nicht zu bieten. Da ihm aber auch das aktuelle westeuropäische wie amerikanische Kunstgeschehen ebenso unzugänglich war wie die entsprechende Fachliteratur, nutzte er andere Inspirationsquellen.

Doch während der Antrieb zur Formreduktion bei dem Marxisten A. R. Penck letztlich aus einem philosophisch-politischen Konzept resultierte, war der Beweggrund von Smy hiervon völlig verschieden. Ihn faszinierte die sinnliche Fülle neuartiger optischer Erscheinungen der modernen Industriegesellschaft. Ob es nun Abbildungen von Schaltplänen der Hobbybastler oder die Photos von Hochhausfassaden waren, fühlte er sich von diesen ebenso angezogen wie von den Strukturen auf Leiterplatten und von Mikrochips. Sie alle waren von ideologisch bestimmenden Inhalten entleert, objektiv erklärbar und zweckbestimmt. Vor allem aber reizten ihn die intensiv leuchtenden Farben wie die industriemäßig gefertigte Oberflächenstruktur, die er für die eigene Arbeit zu nutzen und künstlerisch umzusetzen wusste. Parallel dazu blieb aber das Interesse am Bild des Menschen bei dem Künstler immer wach. Hinzu kam die ungeheure Zeichenlust, die ihn an Orte führte, wo die Vielfalt menschlicher Gestik, verbunden mit aktivem Handlungsgeschehen zu bewundern war. So skizzierte er bei Ballettproben ebenso wie auf Baustellen, in Sporthallen oder Badeanstalten. Die Schnelligkeit des Arbeitens führte, verbunden mit den genannten Anregungsfaktoren, zur konsequenten Vereinfachung der Form, wobei die Rasterung und der spitze Winkel zu seinem bestimmenden Ausdrucksträger wurden. Neben großformatigen Gemälden und Objekten entstanden immer wieder Zeichnungen und Druckgrafik.

Mit dem Farbsiebdruck »Über Wasser halten« greift der Künstler ein Thema auf, zu dem er ausführend feststellte: »Ich habe die vielen Gebärden, die ich vor dem Badebecken notiert habe, aus meinem Fundus abgerufen… In dieser Vielfalt fand ich das summierende Wesen unserer Zeit wieder.«213 Doch obwohl es sich bei der vorgestellten Grafik nur um eine Einzelfigur handelt, die das Blatt flächenfüllend ausspannt, erkennen wir den damaligen und heutigen Geist unserer Zeit hier ebenfalls. Ein angstvolles Ausgeliefertsein und sich über Wasser halten, um nicht im Bodenlosen zu versinken, wird uns bei dieser von Disharmonie geprägten Komposition vor Augen geführt. Das intensiv leuchtende Schwefelgelb des Körpers, verbunden mit seiner grünen und roten Strukturierung, bildet im Zusammenklang mit dem Violett des Balls ein Farbgefüge, das diese Aussage wie ein Achtungszeichen unterstreicht. So fühlt man sich bei dieser ornamentalen Gestaltung an die schonungslosen Worte des Philosophen Erich Fromm erinnert, der feststellte: »Ein jeder muss auf eigene Faust sein Glück versuchen. Es hieß jetzt schwimmen oder untergehen.«214 

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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