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KARLA WOISNITZA (1952)

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100 Golden Girls (97 Teile)
Montage aus Brottüten und Notizpappen, Acryl, Eddingstift
21,5 x 10,3 cm · Verso · erworben 1993

»Es ist, glaube ich, bei mir so, dass ich querdurch, mit den unterschiedlichsten Mitteln, Ausdrucksformen und Sujets arbeite, aber einige Themen sich dafür immer wiederholen«.215 Blickt man auf das umfangreiche und vielgestaltige Werk von Karla Woisnitza, auf ihre Materialbilder und Objekte oder auf die Malereien und Zeichnungen sowie auf die Vielfalt der Motivkreise, bestätigt sich das Bekenntnis der Künstlerin. Darüber hinaus entstehen zahlreiche Motivkreise Doch unabhängig davon, ob es Sprache oder Literatur sind oder die Mythologie und Musik bzw. ein persönliches Erlebnis die Anregung zum Schaffen bot, immer ist es die Frau, die von der Künstlerin in ihrer Facettenhaltigkeit fokussiert wird. Als ich Karla Woisnitza die Frage stellte, ob es auf die Formensprache bzw. den Inhalt ihrer Kunst Einfluss habe, dass sie weiblichen Geschlechts sei, antwortete die Künstlerin, dass sie neben der Berufsausübung immer reproduktive Tätigkeiten zu verrichten habe, wie z.B. ein Minimum an Hausarbeit. Darauf bezugnehmend führt sie weiter aus:« Diese zwei lebensnotwendigen Spuren hinterließen bei mir einen Erfahrungsschatz, der bei professioneller künstlerischer Tätigkeit ungewohnte Techniken und Materialien provozierte, Arbeitszeit und -rhythmus beeinflusste«.216 Hier, bekennt sie, »tritt eine paradoxe Erscheinung zutage. Gerade da Kunst und Leben etwas voneinander Verschiedenes sind, können sie sich gegenseitig erneuern und schöpferisch steigern«.217 Diese Behauptung wird an unserer Installation der Golden Girls besonders eindrucksvoll nachvollziehbar. Könnte man der Aufschrift auf der Verpackung trauen, so würde unser Museum statt 97 sogar »100 Golden Girls« besitzen. Ich beziehe mich hierbei auf die Stückzahl der Grundelemente von weißen Butterbrottüten, aus denen sich die Installation zusammensetzt. Jeder von uns benutzt und kennt dieses unscheinbare und zugleich so nützliche Verpackungsmaterial, das Karla Woisnitza zweckentfremdet zu einem einfallsreich humorvollen und zugleich poetisch zauberhaften Tableau der Weiblichkeit umfunktioniert hat. Das auslösende Moment für diese Arbeit bildete eine amerikanische Fernsehserie gleichen Namens. In ihr wird in humorvoll pointierter Weise deutlich gemacht, dass Lebensausdruck und Anspruch auch von über 50-jährigen Frauen unabhängig von ihrem Alter sind, ebenso wie ihre Fehler und die sich daraus ergebenden tragikomischen Missgeschicke. Für die Künstlerin ist diese Serie doch nur anregender Ausgangspunkt für die Arbeit, indem sie deren Titel wörtlich nimmt und mit dem goldfarbenen Stift die immer gleichen und doch so unterschiedlichen Körperdetails der Frauen zeichnet und diese Vielfalt in spielerischer Maßlosigkeit gleichsam auf die Spitze treibt. Doch weit davon entfernt in Alters- oder Rollenklischees zu verfallen, nutzt sie die zahlreichen Formen und Gesten und schafft so ein eigenes, zeitloses und dennoch immer aktuelles Figurenkompendium. Dieses wird aber nicht allein durch die Farbigkeit des Goldstiftes zu einem rhythmischen Gesamtkanon zusammengefügt. Die Vielfalt von so verschiedenenartigen Haaren und Brüsten, von Bäuchen und Details der Gesichter sowie der Hände und Füße gehen zugleich eine Symbiose mit den sparsamen Umrisszeichnungen ein. Der personifizierten Unterschiedlichkeit wird so eine Rasterung entgegengesetzt, die sich sowohl aus der Gleichförmigkeit der Tütenform als auch durch die Wiederkehr der collagierten Notizblockseiten ergibt. Der darauf festgetackerte bräunliche Karton sowie die jeweils aufgedruckte stilisierte Blumenranke hebt in ihrer soliden Altbackenheit die flippige Besonderheit der einzelnen Figur noch hervor. Diese wird nun in unterschiedlichster Form von Karla Woisnitza überzeichnet, so dass flächige Weißhöhungen zugleich auf die unverwechselbare Vielfalt der weiblichen Körperlichkeit verweisen.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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