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WILHELM MÜLLER (1928 - 1999)

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Blatt 23 aus »Konstruktive Übung«, (Kassette) · 1991
Bleistift, Silberstift, Silbertusche 2/1991, 1-23 · 21 x 62 cm
bez. Verso · erworben 1993

STATEMENT
»Ich habe keine Theorie. Versuche nicht zu beschreiben. Sammle Erfahrungen.
Dazu einige Sätze: Für mich hat das Wort ›konstruktiv‹ nur eine formale Bedeutung. Als wesentlicher schöpferischer Impuls war er kennzeichnend für eine Generation, von deren Ideen wir uns weit entfernt haben.
Jene Konzeptionen der Kunst, die damals im ersten Viertel unseres Jahrhunderts entworfen worden sind und zu denen alles formuliert ist, was man sagen kann, sie sollen in ihrer Begründung, Eigenart und Würde unangetastet bleiben.
Meine Arbeiten werden immer mehr zu Ergebnissen der Abtrennung, des Verzichts auf das, was als Kunst galt. Helfen, so denke ich, kann nur, was mich selbst bewegt: Material, Gesetz, beharrliche Arbeit, das Wirkliche. Ich bin gebannt von der Gebundenheit und Freiheit des Menschen, die sich in allen Zeiten im Bild ausdrücken. Freue mich, wenn meine Arbeiten in täglicher Umwelt als Werte aufgenommen werden.
Ich möchte meine Arbeit verstanden wissen wollen aus der Tradition der Dresdner sächsischen Kunst- und Gewerbeschule. In der Tradition von Karl Rade und Erich Zschieche.

Dresden, den 8. Januar 1985109

In der Zeichenkassette »Konstruktive Übung« wird sein gesamtes konstruktives Formenrepertoire (und sogleich sein Hauptthema) ersichtlich: Linien teilen Flächen. Zunächst existiert das weiße Blatt. Dann wird es horizontal, daraufhin vertikal halbiert, daraus die Summe gezogen und später werden auch Kreissegmente mit einbezogen. Bis zum letzten, dreiundzwanzigsten Blatt werden diese Möglichkeiten durchbuchstabiert. Am Schluss wandelte sich ein Kreis in drei harmonisch sich bewegende Halbkreise – begonnene Winkligkeit geht auf in sanfte Welligkeit. Um 1965 begann er mit der Ausarbeitung dieser Reihe. Im Laufe der Jahre kam es zu Weiterführungen der »Übung« und eine Serie widmete er seinem einstigen »Lehrer« von 1964–1966 Hermann Glöckner (1966/78 Konstruktive Übung. Hermann Glöckner gewidmet). Wie in einem Exerzitium werden dort Linien nach den Gesetzmäßigkeiten der Geometrie gezogen, nachgezogen – vollzogen.

Es gibt noch weitere Werkgruppen auf Papier, bei denen die Linie im Zentrum steht. Hervorzuheben wären die »Konstruktive Übung mit Kreissegment und Halbkreis« ( 1985) und die 1990 begonnene Gruppe von farbigen Zeichnungen »Variationen zu einem Thema von Otto Freundlich«. Dort kommt es zu einer für ihn ungewöhnlich sinnlichen Farbigkeit – Blau, Violett, Rot, Grün – Schwarz. Sie durchbricht in irrationaler Weise die Idee der Linienführung. Farbe (an sich schon ein irrationales Phänomen, das zur Tiefenausdehnung drängt) gerät im Geviert des Winkligen zu einem die Ordnung übertretenden Element. Ein ähnliches Paradoxon erzeugen die mit Silberstift auf Weiß gezogenen Linien in dem abgebildeten Blatt. Das Licht bricht sich im Silberton, lässt sie entweder aus ihrer Flächigkeit heraustreten oder sie in den unbestimmten Tiefen des Weiß versinken oder »entschweben«. Denn die Linie (sie ist ja nichts anderes als ein sehr, sehr schlankes Viereck) erhält so etwas wie ein nicht ganz zu zähmendes Eigenleben. Die Hand kann noch so akribisch protokollieren, das Material entflieht der reinen Vorstellung und Idee: es entfaltet (auch wenn es noch so minimalistisch zugeht) seine Eigenheiten. Ebenso früh fand er zu den Teilungsprinzipien in seinen Farbflächentafeln, von denen sich zwei in der Sammlung befinden.110

Doch parallel zur Formendisziplin gesellt sich von Anfang an eine emotional betonte Ausdrucksweise. Die Verfolgung und Auffindung von informellem, spontan Strukturiertem schlägt sich in farbgetränkten und -genarbten Blättern nieder. Sie hintertreiben die ideenformierte Zielgerichtetheit des Geometrischen. Diese Ambivalenz – kristalline Ordnung hier und emotionaler Freiflug dort – bedingen sich bis hinein in die unterschiedlich genutzten Techniken: Tröpfeltechnik, Monotypien, Schablonendruck, Silberstifte, eingearbeitete Farbpigmente, Objektabreibungen. Beide Seiten, Emotionalität und Rationalität, prägen bis zu seinem Tod sein Arbeiten. Und in beiden Richtungen ist er einem prinzipiellen, reinen Materialethos verpflichtet. Sein Lebenswerk gibt sich im Vergleich mit den Arbeiten von Hermann Glöckner (1889–1987), Karl-Heinz Adler (1927), Horst Bartnig (1936) und von Manfred Luther (1925) sehr zurückhaltend und etwas unterkühlt, doch gerade diese Tonlage ist sein unverwechselbarer Beitrag im Chor konstruktiv und geometrisch Arbeitender in Deutschland.

Armin Hauer

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