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WILHELM LACHNIT (1899 -1962)

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Susanna im Bade · 1958
Aquatintaradierung · 34,3 x 39,5 · 24,5 x 32 cm
bez.  r.u. W. Lachnit 58 · erworben 1977

Hans Grundig fasste die Besonderheit von Persönlichkeit und Werk Wilhelm Lachnits treffend mit den Worten zusammen: »So fein war sein Instrument gestimmt, dass der Ton der Straße in einer höheren Oktave zart widerklang.«64 Nicht zuletzt bildete das zur Harmonie und Lebensbejahung neigende sensible Temperament des Künstlers, welches sich mit einfühlsamer Mitmenschlichkeit und wachem Realitätssinn verband, die Grundlage für dessen Gestaltung. Leise Melancholie bestimmt so seine poetischen Darstellungen. Dass für den Kunststudenten der nur 8 Jahre ältere Otto Dix als Vorbild bzw. als künstlerischer Dialogpartner diente, ist erklärlich.65 Doch obwohl der 25-jährige Lachnit im Unterschied zu Dix bereits 1924 Mitglied der Roten Gruppe wurde, ein Jahr später sogar in die KPD eintrat und für diese seit März 1929 in Dresden Agitationsmaterial für die Presse und Kundgebungen anfertigte, lag ihm die hierfür notwendige Aggressivität und Eindeutigkeit der künstlerischen Gestaltung nicht. Vielmehr bestimmten einfühlsame Zartheit und Vielschichtigkeit der Aussage seine Kunst. Nicht zuletzt wird so der Bruch zwischen der Wunschvorstellung des Künstlers und der ihn umgebenden Realität durch die Kontroverse von Thema und Ausführung erkennbar. So wählte er für die Darstellung seiner pubertierenden Arbeiterkinder sowie für die Frauen und die Mütter die altmeisterliche Lasurtechnik, die an die Formensprache der italienischen Frührenaissance erinnert.66 Seit den späten 20er Jahren entstand neben der Malerei auch Grafik. Doch die robuste schlagkräftige Vereinfachung des Holzschnitts mit der Härte des Schwarz-Weiß-Kontrasts lag ihm weit weniger als die sensible Zeichnung, die ihm sowohl als Grundlage für seine Malerei als auch für seine Radierungen diente.

Nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus begann für den Verfemten, der durch den Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 fast das gesamte Werk verloren hatte, eine neue Zeit. Nicht zuletzt wird dieser grundsätzliche Wandel auch an der Veränderung seiner Handschrift erkennbar. Statt der Lasurtechnik malte Lachnit jetzt alla prima und knüpfte sowohl in der Malerei als auch bei seinen Aquarellen, den Monotypien und Radierungen an die klassische Moderne an. So trat er u.a. mit Pablo Picassos sozial einfühlsamen Arbeiten der Blauen und Rosa Periode ebenso in einen formalen Dialog wie mit der Kunst von Henri Matisse. Nicht zuletzt war das der Grund, dass sich der 1947 an der Dresdner Akademie zum Professor ernannte Lachnit genötigt sah, dieses Amt wieder abzugeben. Diffamierungskampagnen gegenüber ihm und seinen Schülern innerhalb der »Formalismus-Realismus-Debatte« machten ihm die Lehre unmöglich. Nur zwei Jahre später entstand die Aquatinta-Radierung »Susanna im Bade«. Aus der apokryphen Erzählung von Susanna und Daniel übernahm Lachnit die Szene, die die junge Frau eines reichen Babyloniers während des Bades in ihrer jugendlichen Üppigkeit darstellt. Konfrontiert wird sie im Bildvordergrund mit sich aus dem dunkel herausschälenden Porträts von zwei alten Richtern, die die Schöne belauschen. In stilllebenhaftem Versunkensein sind hier Jugend und Alter auf sich bezogen und in sich gekehrt dargestellt und werden nicht, wie es die Bücher beschreiben, durch die Bosheit der beiden lüsternen Alten bestimmt. Durch die abgestuften Schwarz-Weiß-Nuancierungen verzichtet der Künstler auch hier nicht auf die Plastizität der Figuren, so dass sowohl Flächigkeit als auch Räumlichkeit die Gestaltung bestimmen. Dieser scheinbare Widerspruch, verbunden mit der Diagonalkomposition und dem flackernden Licht, das stakkatohaft von ihm eingesetzt wird, schaffen so mittelbar die auf den Text bezogene Beunruhigung. Letztlich ist es dem Künstler auch mit diesem Blatt wieder gelungen, sein Wollen umzusetzen, das er in den Worten zusammenfasste : »Ich möchte etwas schaffen, ganz gigantisch, ganz streng, ganz klassisch und doch voller Duft. Es soll die Menschen zeigen, wie sie hoffend leben und das ganz Schreckliche zugleich, das sie zerstört.«67 

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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