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GERHARD WIENCKOWSKI (1935)

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Porträt J. W. · 1975
Aquarell · 32 x 22,6 cm
bez. l. u. G. Wienckowski 75 · erworben 1976

»Ich arbeite sehr langsam, da die Natur sich mir vielgestaltig darbietet und es unablässig gilt, Fortschritte zu machen. Man muss sein Modell gut betrachten und sehr richtig empfinden und sich außerdem noch mit Kraft und Gewähltheit ausdrücken.«141 Diese hohen Forderungen an die eigene künstlerische Arbeit, die Paul Cezanne vor ca. 100 Jahren formulierte, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte künstlerische Schaffen von Gerhard Wienckowski. So ist neben einem bedachtsam abwägenden Formulieren eine vielgestaltige Sicht auf das Thema kennzeichnend für seine Arbeit. Unabhängig davon, ob es sich um Aquarelle, Grafiken oder Zeichnungen handelt und abgesehen davon, wie unterschiedlich auch das schöpferische Herangehen an das jeweilige Sujet sein mag, dieser Künstler gewinnt letztlich allem eine schwerblütig poetische Note ab. So drückt sich in seiner sensiblen malerischen Sprache sowohl bei den Landschafts- als auch bei seinen Porträtdarstellungen nicht allein eine enge Bindung an den darzustellenden Gegenstand aus. Beide Themenbereiche sind durch die Lebens- und Welthaltung des Künstlers unmittelbar aufeinander bezogen. Demzufolge kann man bei den Porträts von Gesichtslandschaften sprechen, während die Natur uns auf seinen Blättern als Landschaftsgesicht in der Vielfalt ihrer Formen entgegentritt.

Die sich in den Arbeiten äußernde Liebe zum Darstellungsgegenstand und das damit verbundene ursprüngliche Verhältnis zu ihm erwuchsen aus der unmittelbaren Beziehung zur Mark Brandenburg mit ihren Seen, Wäldern und den dort ansässigen Menschen. Hier wurde er im September 1935 geboren und verbrachte die ihn prägenden Kindheitsjahre. Die künstlerische Haltung seines Lehrers Hans Theo Richter und dessen Methodik, das Thema auf wesenseigene Grundformen zu konzentrieren, alles Darzustellende auf seine Körperhaftigkeit hin zu analysieren und individuelle Details zugunsten einer allgemeinen menschlichen Aussage hervorzuheben, ließen Gerhard Wienckowski Wesenszüge und Gemeinsamkeiten mit den eigenen Anliegen entdecken. Die Forderung des Lehrers nach Gründlichkeit, nach exakter Beherrschung des Zeichnerischen sollten darüber hinaus zum unverzichtbaren Fundament für die weitere künstlerische Arbeit werden. Wie ein Schwamm sog Wienckowski optische Eindrücke auf, um diese später in völlig veränderter Form in sein Schaffen einfließen zu lassen. Wurde durch den Lehrer Hans Theo Richter die eine sparsam analytisch kontrollierte Seite seines Empfindungsspektrums angesprochen, förderte die Welt des böhmischen Barocks gleichsam die gegenteilige dionysische Gefühlswelt beim Künstler heraus. So nahm ihn in Prag die in ihrer bis dahin von ihm nie in dieser Art erlebten Farb- und Formenfülle gefangen. Besonders umfangreich ist das aquarellierte Œuvre des Künstlers. Seit 1970 entwickelte er hier eine eigenständige Mitteilungsform, die die lebenszugewandte Ernsthaftigkeit und behutsam kraftvolle Mentalität ihres Schöpfers widerspiegelt. Von nun an ermöglichte ihm das Aquarell wie keine andere Technik, neben einer diffusen Reichhaltigkeit der Palette, transparente Helligkeit sichtbar zu machen und so den adäquaten Ausdruck für atmosphärisches Geschehen zu finden. Ohne jede Vorzeichnung oder routinierte Effekthascherei sind alle Aquarelle direkt vor der Natur oder nach intensivem Einfühlen in das Modell entstanden. Die Arbeit an verschiedenen Fassungen eines Themas, die sich meist mit dem gleichzeitig nebeneinander Entstehen mehrerer Sujets verbindet, leitet sich aus einem für Wienckowski notwendigen Klärungs- und Reifeprozess ab, aber auch aus der sich wandelnden Sicht und Einstellung gegenüber dem Gegenstand, was oft nach mehrmaligem korrigierenden Abwaschen der Blätter zu einer in sich vollendeten gestalterischen Dichte der transparenten Wasserfarbenblätter führt. In weichen unbestimmbaren Übergängen und durch die Farbmodulation erzeugter raumgreifender Körperlichkeit haben sie eine samtartige pastellhafte Wirkung. Diese stilistische Gemeinsamkeit der Blätter lässt genügend Spielraum für eine reichhaltige wandlungsfähige Deutung des Menschen und seiner Umwelt.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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