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CLAUS WEIDENSDORFER (1931)

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In dieser Dunkelheit · 1981
Farblithografie, 11/20 · 59,8 x 40,7 cm · 59,8 x 40,2 cm
bez.  r.u. Weidensdorfer 1981 · erworben 1984

»Licht-Weite-Erwartung
Die weiße Fläche, noch unberührt, schließt alle Möglichkeiten in sich ein.
Das Mindeste, eine Linie, vielleicht der Horizont, teilt sie in Oben und Unten – in Himmel und Erde. Vielleicht ist der Horizont die Schwelle, die übersprungen werden soll.
Empfindlich, wie die Nadel des Seismographen reagiert die zeichnende Hand auf die Erschütterungen der Seele. Alles was noch hinzukommt, alles durch Erschauen Erfahrbare wird bemessen an dieser inneren Bewegung. Hält uns auch die Dingliche wiederholt zurück, bleibt der Weg in die Weite doch unverstellt. Das zu Erwartende ist möglich.
Schauen-Berühren, ein riskantes Spiel gegen die Unschuld. Ist doch ungewiss, was die Berührung auslösen wird, welche Bewegung daraus hervorgehen kann. Einmal aufgerissen die weiße Haut, zieht das eine das andere nach sich und die ersten Linien verlangen nach weiteren, so dass die Weite sich füllt und eng und dunkel wird und man die ersten Berührungen zurückersehnt. Also gräbt sich vorsichtig und zag die schwarze Linie durchs Weiß, jede allzu große Befestigung an Gegenständen erkennend. So bleibt die Transparenz noch erhalten.
Künstlertum – es muss die Berührung herbeisehnen, es muss auch den Sprung über den Horizont für möglich halten.«133

In der Öffentlichkeit ist er als ein sehr eigenwilliger Zeichner und Druckgrafiker bekannt; sein rein malerisches Werk hingegen hat bisher weniger Resonanz erfahren. Ebenso wie dem ebenfalls in Dresden heimischen Andreas Dress (1943) sind ihm die Stadt und ihre Menschen immer wieder Thema. Nicht selten erscheinen die Darstellungen heiter, grotesk sowie humorvoll in einer irritierenden Art und Weise, die schnell umkippen kann in eine unerklärliche Situation des leicht Unheimlichen oder Absurden. Hier geht Grafisches und Malerisches ineinander über – bringen unentschiedene Offenheit ins Bild. Sein Psychologisieren und Deuten gelten sowohl den Akteuren als auch der Landschaft und der Architektur Dresdens. Dessen 1945 fast zu Tode bombardiertes Stadtzentrum ist ihm ein zeitlich-urbanes Kontinuum: es ist amputiert, vernarbt und durch Neubauten lädiert. Tauchen die berühmten Architekturen auf, wie etwa Hofkirche, der Zwinger oder Barockskulpturen auf Balustraden, dann wird der Postkartenblick verdorben von einem dicken Betonklotz, durch das Herannahen eines Neubaublocks oder von einem schwer zu definierenden eckigen Gebilde. Steriles trifft auf Morbides, Straßen zerteilen Häuserblöcke, verlieren sich gen Himmel – geborstene Autobahnen dienen als misslungene Startrampen für Bomber (das war Mitte der Achtzigerjahre in der DDR mehr als nur ein Bildmotiv, das war eine Kritik an der offiziell betriebenen Aufrüstung durch den Ostblock).

Seine Protagonisten tun sich schwer, sich hier gänzlich niederzulassen. Ihre Augen sehen verängstigt, erschrocken oder das Weite suchend aus dem Bild heraus, wie auf der Farblithografie. Die bizarr-irreale Gesamtkonstellation der doppelt rechteckigen Bildkomposition erinnert an die Trinität (1425/26) von Masaccio (1401–1428?) in Santa Maria Novella in Florenz. (Masaccio malte auf einer Wandfläche das erste zentralperspektivische Fresko der Neuzeit.) Auch Weidensdorfer zeigt im unteren Teil eine liegende Figur (Masaccio stellte in illusionistischer Manier ein liegendes Skelett auf einem Sarkophag dar). Darüber gewinnt der Raum an suggestiver, dunkler Tiefe – Akte, Häuser, Maskenmenschen äugen aus dem Bildschacht heraus. Hier folgt Weidensdorfer selbstverständlich nicht mehr ikonografisch dem Frührenais-sancemeister (Gnadenstuhl mit Stifterpaar). Doch gleichfalls bricht er brachial die Fläche (jetzt nun die des Papiers) auf und ermöglicht einen Einblick in das schwer zu deutende Geschehen. Was genau die Menschen dort zusammenbrachte oder zusammenhält, ist nicht auszumachen – es bleibt rätselhaft. Eins ist jedoch anzunehmen, dass etwas Äußeres sie in Schach hält, ihre Aufmerksamkeit erfordert, weil es in ihre Welt wie ein greller Scheinwerfer in einen dunklen Raum einbrach. Welcher Natur dieses Äußere nun ist – politischer oder banal alltäglicher – oder ob es sich um die Schimäre Vergangenheit handelt, das lässt der unbequeme Bilder-Zeichner offen.

Armin Hauer

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