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FALKO WARMT (1938)

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Argus · 1984
Aquarell, Bleistift, Kugelschreiber · 67 x 54,4 cm
bez. l.u. Drittel Falko Warmt · erworben 1991

Bekannt ist die Redewendung »mit Argusaugen beobachten« oder »mit ihnen sehen«. Was so viel bedeutet wie alles sehen und dieses ist mit dem Bewachen und Beschützen gleichzusetzen. Der Blick erhält eine bannende Kraft und verbleibt nicht im passiven Wahrnehmen: Sehen ist gleich Handeln. Der antike Mythos kennt verschiedene Variationen vom Argus, dem hundertäugigen Riesen. Er sollte auf Geheiß von Hera die von ihrem notorisch fremdgehenden Ehemann Zeus (der Göttergatte) in eine Kuh verwandelte Geliebte Io bewachen. Dieser nicht dumm, schickte Hermes um Argus mit Flötentönen in den Schlaf zu bringen. Was ihm gelang. Eine andere Variante wird brutaler und lässt Hermes, den Wächter töten. Die vielfach betrogene Gattin Hera nimmt seine Augen und setzt sie in die Pfauenschwanzfedern ein. Hier kippt die Vorstellung vom wachsamen Bewacher: er wird ein Opfer der Musik. Der Sehsinn ist somit dem akustischen Wohllaut unterlegen und bedingt den Tod. Es ist ein Bericht, wie fast immer im Mythos der Antike, vom Scheitern und vom Versagen (Thanatos). Also ist doch kein Verlass mehr auf die Kraft des Sehens, des Blicks, auf seine alles in Schach haltenden Energien? Ist das Verhindern von Nichtgewolltem nur noch möglich durch das tatkräftige Handeln?

Doch was hat diese Geschichte mit dem Blatt von Falko Warmt, dem künstlerischen Autodidakten und Kunstquereinsteiger zu tun? Weder eine Färse noch das Götterpaar sind auszumachen. Ist die Betitelung eine sporadische Eingebung, die nach dem Zeichnen kam – oder sich während des Arbeitens wie von allein als ein Synonym für das Unaussprechliche manifestierte? Die Antwort darauf wäre ein Ja. Sieht man seine weiteren Bildtitel an, so können es ebenso verbale Anleihen am Mythos sein, Wortakrobatik oder prosaisch-poetische Feststellungen. Mal kommentieren sie das zu Sehende oder weisen weit darüber hinaus: sie öffnen nicht selten Fenster für eine lyrische Welt des Assoziierens, »Wenn Du durch einen dunklen Tunnel gehst, dann denk an das Blau des Himmels und an das Rauschen der Bäume im Wind«.159 Beide (letztlich kryptische Bild- und Wortwelten) können sich irgendwo und irgendwann überlagern, die Dimension des Ausdrucks sowie des Eindrucks verstärken oder als Paralleluniversien Signale zurufen. Eine Auflösung oder einfache Wiederholung des Bildes im Text gibt es nicht – kann es nicht geben, da seine Malereien, Drahtobjekte, Druckgrafiken und Zeichnungen schon von ihrer Uneindeutigkeit zehren.

Bis in die Linienführung hinein schwingt Tastendes, Suchendes, Beunruhigendes und sich Ballendes mit. Es herrscht ein Misstrauen gegenüber einer Schönlinigkeit und einem farblichen Wohlklang. Fleckenhaft fiebrig und irgendwie beiläufig unterläuft ein wässriges Kolorit die sich mühsam findenden Spuren auf dem Blatt. Gleich Tätowierungen verletzen die Stricheleien Papierhaut, graben sich stellenweise ein, zerkratzen sie (zur aufgerissenen und durchlöcherten Bildhaut kommt es schließlich in den Tafelbildern). Mal sind es zeichenhafte Krakel für Gestaltwerdendes, vereinzelt, schnell verendend, andere Lineaturen  wiederum knäueln sich zusammen, ergeben Kürzel aus der privaten Mythologie und informellen Hieroglyphen des Unverständlichen. Was wichtig erscheint, wird wie in Kinderzeichnungen oder in Bildern der Art brut einfach betont: Geschlechtsmerkmale erhalten eine besondere Aufmerksamkeit; Augen starren schwarze Löcher in den Schädel hinein, groteske Körperhaltungen werden noch einer weiteren Steigerung unterzogen. Das Drumherum schafft den Humus für das Hauptgeschehen. In den grafisch kleinteiligen Malereien auf Japanpapier und Leinwand ergibt sich ein flirrendes All-over. Vorder- sowie Hintergrund werden zur perforierten Membran für den Übergang des Sichtbaren in die abgründige Welt des zumeist leidenden Fühlens und Empfindens. In unserem abgebildeten Aquarell durchziehen die Zeichen und Piktogramme des Psychischen wie eine Regenwand den Profilkopf. Das führt zu einer Atmosphäre der permanenten Balance zwischen An- und Abwesenheit, zwischen dem Erscheinenden und Verschwindenden. Seine Wesen werden im wahrsten Sinne des Wortes durchschaut. Sie gehen durch den schmerzhaften Prozess einer Enthäutung – legen ihre Seele frei, gebunden an fasrige Schemen vom Kreatürlichen an sich.

Das Museum Junge Kunst erwarb 1991 weiterhin eine mannshohe Mischtechnik auf Leinwand, eine von seinen verletzlich-feinfühligen Drahtskulpturen und zwei Aquarelle.

Armin Hauer

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