Vorwort der Direktorin des Museums zum Katalog der Ausstellung

Das Museum Junge Kunst begeht im Oktober 2005 sein 40-jähriges1 Bestehen. Betrachtet man den heutigen Bestand von über 11000 Arbeiten,2 so ist kaum nachzuvollziehen, unter welchen Prämissen die Sammlung zusammengetragen und unser Museum gegründet wurde. Bereits sein Name sollte darüber Auskunft geben. Doch wollten die Gründer hierunter weder formal neuartige, experimentelle Kunst verstanden wissen noch war damit das Alter der Autoren, die im Museum vertreten waren, gemeint. Vielmehr wurde beabsichtigt, »die Entwicklung des sozialistischen Realismus in der DDR in seinen Hauptzügen«3 zu dokumentieren. Dieser Definition wurde der Begriff der »Jungen Kunst« zugeordnet, dessen Schwergewicht auf die inhaltliche Aussage in ihrer politischen Wertigkeit gelegt wurde. Der neue, der junge Mensch aus dem Proletariat sollte innerhalb des »großen Anderswerdens«4 in Abgrenzung zur westeuropäischen Kunst in unserem wie auch in allen anderen Museen der DDR im Mittelpunkt des Sammelns und Ausstellens stehen. Auch wenn die gewünschten Zielvorstellungen schon vor 1989 nicht verwirklicht wurden und vorwiegend ästhetisch wertvolle Werke in den Besitz des Museums gelangten, blieben dennoch nonfigurative wie konstruktive Arbeiten aus der Sammlung ebenso ausgeschlossen wie Werke von Künstlern, die die DDR verlassen hatten. Diese Tatsache betraf nicht alleine die Bereiche von Malerei und Skulptur, sondern auch die der Zeichnungen und Druckgrafiken.

Nach 1989 sollte sich vieles im Museum verändern. Politische wie stilistische Vorgaben für das Sammeln und Ausstellen entfielen von nun an. Dennoch wurde der Sammlungsradius, der sich auf das Territorium Ostdeutschlands bezog, beibehalten. Während der Bestand an Werken, die den Zeitraum von 1870 bis 1945 umfassen, seither keine weitere Ergänzung erfuhr, ist dafür eine Sammlung mit zeitgenössischer polnischer Grafik hinzugetreten. Auch wurde die Ständige Ausstellung aufgelöst. Dennoch befassten wir uns von nun an intensiver als je zuvor mit der Vielfalt, aber auch mit den Lücken unseres Bestandes. Hierzu dienen u.a. auch die seit 1990 jährlich stattfindenden Präsentationen, die unter verschiedensten Gesichtspunkten Einblicke in das Gesammelte gewähren. So waren Zeichnungen und Grafik neben Malerei und Plastik nicht allein in zahlreichen Ausstellungen vertreten, ihnen wurden auch eigene Präsentationen gewidmet. 1997 zeigten wir so z.B. unter dem Titel »Gestern-Heute-Morgen« Arbeiten auf Papier aus den Jahren 1945 bis 1996 und aus dem gleichen Zeitraum, jedoch unter einem anderen Blickwinkel, Grafik und Zeichnungen zum Thema »Konfrontation-Zerreißprobe« II.

Aber auch zahlreiche Wechselausstellungen mit Leihgaben sind in unseren beiden Ausstellungshäusern zu sehen. Zum einen nutzen wir hierfür die gotische und in der Renaissance eingewölbte Rathaushalle und den sich daran anschließenden hochgotischen Festsaal, zum anderen den PackHof, bei dem es sich um den letzten erhaltenen unverputzten Fachwerkbau der Stadt handelt. Auch sie dienen nicht selten mit dazu, auf herausragende Werke der zeitgenössischen Kunst aufmerksam zu machen und zugleich den Bestand um wesentliche Werke zu erweitern.5 Der Bereich von Handzeichnung und Grafik fand dabei eine stetige Berücksichtigung, auch wenn der Sammlungs- und Ausstellungsschwerpunkt auf den Bereichen Malerei und Plastik liegt. Nicht zuletzt ist es so auch auf dem Gebiet der Handzeichnung und Grafik gelungen, eine äußerst spannende und vielgestaltige Sammlung zusammenzustellen, in die dieser Katalog Einblick geben soll.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner, Direktorin des Museums

Anmerkungen

1

Am 2. 10. 1965 wurde die Galerie Junge Kunst, 1994 in Museum Junge Kunst umbenannt, gegründet. Näheres  hierzu in: Karl-Heinz Maetzke: Galerie Junge Kunst Frankfurt (Oder), Museums-Kompendium, Leipzig 1976, S. 5f

2

Der Bestand hat bis zum 3.1.2005 folgenden Umfang: 724 Gemälde, 358 Plastiken, Skulpturen und Objekte, 1358 Handzeichnungen, 1108 Aquarelle und Pastelle, 6701 Druckgrafiken, 422 Blätter polnischer Grafik

3

Zit. Nach: Karl-Heinz Maetzke, a.a.O., S. 17

4 

Ebd. S. 5

5 Leider war es der Stadt seit 1990 nicht mehr möglich, sich finanziell an Ankäufen zu beteiligen, beim Land Brandenburg war das seit 1995 der Fall.

 

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