zurück

WOLFGANG PETROVSKY (1947)

zur Biografie W. Petrovsky

FRANK VOIGT (1946)

zur Biografie F. Voigt

Aus der Mappe: Fastnacht und Aschermittwoch (8 Blätter)
Mauerblümchen · 1983
Farbsiebdruck, 25/30 · 70,2 x 82,3 cm · 59,2 x 80,5 cm
bez. u.r. Petrovsky/Voigt 83 · erworben 1984

»Werbung in Zeitungen, Klassen-, Kriegs- und Hochzeitsphotos, Briefe, Lebensmittelkarten u.ä. sind Fundstücke und Reste gelebten Lebens, geben Einblicke in die Zeit unserer Vorfahren, in die Zeit der ›großen‹ Kriege und danach.«189

Der Zweite Weltkrieg näherte sich seinem Ende auf deutschem Boden, die anrückenden Truppen der Sowjetarmee und der Westalliierten stießen noch auf vereinzelt erbitterten Widerstand, doch der Untergang des 3. Reiches war nicht mehr aufzuhalten. In der Nacht vom 13. Februar zum 14. Februar 1945 (dem Aschermittwoch) flogen Bombenstaffeln der Royal Air Force mehrere Einsätze auf die bis dahin wenig zerstörte Stadt Dresden. Über 35000 Menschen wurden getötet, die Stadt verlor ihr altes, kunstvolles Gesicht.190 In Erinnerung an dieses Kriegsereignis entstand achtunddreißig Jahre später in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Frank Voigt die Mappe »Zwischen Fastnacht und Aschermittwoch«. Für den in Freital bei Dresden Arbeitenden Wolfgang Petrovsky ging es um eine allgegenwärtige Erinnerungsarbeit an die Zeit des Nationalsozialismus in Form einer differenzierten optischen Verflechtung von Opfer-Täter-Mitläuferschicksalen unter Einbeziehung von Zeitdokumenten. Denn die DDR-offizielle Vergangenheitsbewältigung ging hauptsächlich von einem antifaschistischen Konsens in der Zeit des Nationalsozialismus aus. Eindeutige Rollenverteilungen waren erwünscht. Da waren seine vielfältigsten Aktivitäten in zeitweiliger Zusammenarbeit mit Frank Voigt oder auch mit dem Leipziger Joachim Jansong (1941) auf diesem Gebiet dunkelster deutscher Geschichte auch zu erleben als eine eindringliche Korrektur des eindimensionalen Geschichtsbildes.
So eine Sicht sorgte zunächst für Irritationen, doch im Kontext mit den Büchern von Franz Fühmann (1922–1984) oder eben auch Christa Wolf (1929) ergibt sich ein sich bedingendes, geistiges Geflecht von Vergangenheitsrecherchen subjektiver Art. Hinzu kam, dass die Nutzung von Fotos sowie Dokumenten im Siebdruck Ende der Siebzigerjahre in der drucktechnisch-orthodoxen DDR-Kunstwelt einen gewissen Tabubruch darstellte, zumal Einflüsse von Robert Rauschenberg (1925) und des Deutschen Wolf Vostell (1932–1998) augenscheinlich waren und man schnell oberflächliche Übernahme vermuten könnte. Doch Petrovsky ließ sich zudem auch anregen, manchmal recht nah an den Vorbildern dran, von den Collage-Welt-Splittern des Dadaisten Kurt Schwitters ( 1887–1948). Zudem gibt es in seinem schier ausufernden Schaffen auch traditionelle Bilder, die in der Sprache eines ungegenständlich kraftvollen, expressiven Gestus vorgetragen werden (das Museum besitzt aus dieser Werkphase mehrere Malereien). Doch am eigenwilligsten und bekanntesten wurde er mit seinen historischen Arbeiten. Die acht großformatigen Blätter aus dem Zyklus »Zwischen Karneval und Aschermittwoch« zeigen Fotos aus Familienalben, Todesanzeigen, Aufnahmen von der zerstörten Stadt, Werbeanzeigen für Kinderwagen oder Zahnpflege, Polizeiaufnahmen oder Postkarten vom sozialistischen Dresden.

Das erste Blatt zum Beispiel wird ausgefüllt mit einer Aufnahme der zerstörten Innenstadt, darauf ein Foto mit Kindern in lustigen Faschingskostümen; ein zerlaufender schwarzer Streifen gleitet wie ein Träne über die Szenerie: Fastnacht und Aschermittwoch. Im Blatt Nr. 3 »Bei hohem Erbwert ist Kinderreichtum nationale Pflicht« wirbt eine Zeitungsannonce für Kinderwagen, in der Mitte eine Fotografie von einer verbrannten Familie auf einer Bank, davor ein vollbepackter Kinderwagen. Und auf dem letzten Bild wiederum die Ruinenstadt mit einem durchsichtigen roten Kreuz plus Piktogramm mit Minutenangabe für die Entwarnung (entnommen den DDR-Richtlinien für Sirenenalarm). Die eigenen grafischen Interventionen sind in dieser Folge sehr zurückhaltend; beide verlassen sich ganz auf die emotionale und assoziative Ausstrahlung dieser Übereinanderblendung von Banalem, Trivialem und Epochalem. »Die Erinnerung an die, die an den gesellschaftlichen Realitäten zerbrachen bzw. ihr Leben gaben, ist keine Vergangenheitsbewältigung, sondern Auseinandersetzung mit dem HEUTE und setzt unverrückbare Maßstäbe: zu ERINNERN ohne falsches Pathos, sachlich-dokumentarisch und trotzdem emotional berührend./ Im zunehmenden Maße der Versuch, aufklärerische und didaktische Momente in der Arbeit zurückzunehmen zugunsten der ASSOZIATION. Dabei ist notwendig, der Gefahr des Verharrens im Spielerischen zu entgehen – also intensives Zeichnen – hier keine Reflektion bestimmter historischer Momente, sondern fast tagebuchartige Psychogramme, reagierend auf Zeichen der Hoffnung, aber auch reagierend auf die ernsten, ja lebensbedrohenden Momente, die alle menschliche Existenz gefährden.«191

Armin Hauer

zurück zur Ausstellungsseite

Biografie Petrovsky | Biografie Voigt