zurück

KARL VÖLKER (1889 - 1962)

zur Biografie

Hunger 28 · 1924
Lithografie · 49,5 x 32,8 cm · 38,8 x 29,5 cm
bez. l.u. Karl Völker · erworben 1968

Man nannte den Künstler nicht allein wegen seiner Haare den »roten«29 Völker. Vielmehr war es die politische Gesinnung, die sich letztlich aus utopisch sozialistischen Vorstellungen speiste und eng mit der Arbeit der KPD verbunden war, die ihm diesen Namen eintrug. Obwohl auch Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen entstanden, nutzte der Künstler vor allem die Grafik und in besonderem Maße den Holzschnitt, um die Missstände der Zeit anzugreifen. Vor allem aber war es die Kraft der Masse gegenüber dem Einzelnen, die er für ein breites Publikum sichtbar zu machen suchte. Doch weit über den konkreten Schaffensanlass hinaus entstanden immer wieder Grafiken und Gemälde von hohem ästhetischen Reiz.

Das Rüstzeug für seine künstlerische Arbeit, das Erlernen des Malerhandwerks im väterlichen Betrieb, der sich anschließende Besuch der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Halle, in der er auch als Architekt ausgebildet wurde, sowie das Studium der Wandmalerei an der Kunstgewerbeakademie in Dresden waren folgerichtige Schritte auf dem Entwicklungsweg des Künstlers. Hinzu traten Zeitereignisse wie die Oktoberrevolution in Russland, das Ende des 1. Weltkrieges mit seinen Folgen sowie die Novemberrevolution, die dazu beitrugen, dass sich zahlreiche deutsche Künstler positionierten und in politisch links ausgerichteten Organisationen zusammenfanden. So spielte das politische wie soziale und sich daraus speisende künstlerische Engagement bei vielen, gerade in einer Industriestadt wie Halle, eine große Rolle.30 Nachhaltige Anregungen für sein Schaffen erhielt der junge Künstler durch das Tagesgeschehen, aber vor allem durch die Malerei und Grafik des Expressionismus.31 Doch nicht allein der religiös getränkte Gefühlssozialismus, welcher sich bei den Expressionisten mit der subjektiven Ausdruckskraft von Form und Farbe verband, hatte auf Völker eine anregende Vorbildwirkung. Hinzu trat die linksexpressionistische Dichtung von Schriftstellern wie Leonhard Frank, Johannes R. Becher und Ernst Toller. Aber auch Zufälle, wie der Auftrag für einen Wandbildzyklus im Redaktions- und Druckgebäude des »Klassenkampfs«, den er 1921 erhielt, erschlossen ihm Kontakte und eine daraus resultierende Mitarbeit in der kommunistischen Presse von Halle. So begann Völker 1923 für diese und Zeitschriften wie »Das Wort« Grafiken zu fertigen. Unabhängig von Veröffentlichungen in den genannten Zeitungen fasste er diese in einer Mappe zu dem Zyklus »1924« zusammen.32 Zu diesem gehört die zweite Fassung der »Demonstration«, bei der man sich an das stilistische Vorbild der Holzschnittkunst von Karl Schmidt-Rottluff erinnert fühlt. Der starke Kontrast zwischen dem dunklen Grund und den weißen Umrisslinien, die nur ansatzweise Gesichts- und Körperdetails hervorheben, verbunden mit dem strengen Bildaufbau und der scharf herausgeschnittenen, präzise erfassten Form, die sich auf stereometrische Grundformen zurückführen lässt, trägt zu einer dem Vorbild vergleichbaren plakativ kraftvollen Gestaltung bei. Doch ist es nicht wie bei Schmidt-Rottluff der Einzelne, sondern vielmehr die Kraft und Geschlossenheit der Masse, die hier die Aussage bestimmt. Nur bei genauem Hinsehen unterscheiden sich die Gesichter des uniformen Menschenstroms, die vom Künstler als Kopfsegment oder Brustbild in Holz geschnitten wurden. Die durch leicht wogende Rundungen zurückgenommene Diagonale, die die Dichte des Bildgrundes von der strukturierten Figurenmasse trennt, unterstreicht die Aussage vom nicht enden wollenden, schwer dahinfließenden Strom von Arbeitern. Sie lässt an den Wahlaufruf der KPD vom 2.4.1924 denken, in dem es heißt: »…durch den Kampf ungeheurer Millionenmassen der Ausgebeuteten gegen die organisierte, bewaffnete Macht der Ausbeuter wird euer Elend gewendet, werdet ihr zu Herren eures Schicksals.«33

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie