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WERNER TÜBKE (1929 - 2004)

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Mecklenburger Bauer · 1959
Bleistift · 21 x 17,7 cm 
bez. r.o. Tübke 1959 · erworben 1972

Seit sechs Jahren arbeitete der Maler und Zeichner schon an seinem Opus Magnum, dem Panoramabild »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen, als er 1982 in einem Interview einige Grundsätze seiner Arbeit erläuterte: » Ich bemühe mich, realistische Positionen der Kunstgeschichte produktiv und lebendig werden zu lassen… In der Zeitachse fühle ich mich auf die natürliche Weise eingebettet… Ich habe kein Zeitgefühl: Wenn ich Bilder von Delacroix sehe, dann werde ich so nervös, als wären sie heute entstanden. Mir fehlt der Sinn für historische Distanz. Auch deshalb sind historische Stoffe nicht historisch für mich, und ich kann selbige wie ganz aktuelle, sehr persönliche Erlebnisse von heute betrachten.«111 Das Rundbild wurde in einem extra dafür gebauten Betonkoloss 1989 der Öffentlichkeit übergeben, just, als die DDR ihre Abwahl erfuhr. Der Auftraggeber, das Ministerium für Kultur der DDR gab es nicht mehr – doch das Riesenbild blieb. Heute ist der Ort der einstigen Kämpfe der Bauern für mehr Gerechtigkeit vor über vierhundertfünfzig Jahren eine Pilgerstätte für Touristen aus dem In- und Ausland. Tübkes Befürchtung, »nur« als der Maler des »Bauernkriegsbildes« zu gelten, hat sich leider fast erfüllt. Dabei hatte er bis dahin schon ein Werk geschaffen, das stets für Polemik und harsche Differenz der Meinungen sorgt. Pro und Kontra liegen im polaren Bereich von: Eklektiker, Manierist, Theatermaler, Historist und originärer Figurenerfinder, virtuoser Bewahrer eines humanistischen Menschenbildes, fantastischer Realist oder gar unbewusster Postmodernist.

Schon in den frühen Fünfzigern fühlte er sich mehr dem Studium der Natur, des Menschen und der Alten Kunst verpflichtet, als sich mit der Moderne großartig auseinander zu setzen. Er war auf der Suche nach einem summarisch-stilistischen Formenapparat, der recht flexibel Fantastisches, Irrationales und in der Realität verinnerlicht Studiertes zu einem Neo-Neo-Renaissancestil transformiert. Sein Krebsgang in die Kunstgeschichte begann. Über ein schnelles Intermezzo mit dem Surrealismus (Hiroshima 1–3, Variante 2 von 1958 befindet sich im Besitz des MJK)112 ging es weiter über Adolf von Menzel (1815–1905) hin zu den Nazarenern, um bei den Niederländern zu verweilen. Der Stil von Jahn van Eyck (um 1390–1441) und von Pieter Bruegel d.Ä. (1525/30–1569) bot ihm um 1960 die malerische und lineare Syntax für seine damaligen Aufträge und privaten Porträts. Später analysierte und imitierte er die Sprache der Renaissancemaler sowie die der Manieristen. Er verwob die Stile mit einem exzessiven Naturstudium, um je nach Problemstellung und Intention frei darüber verfügen zu können. Die unzähligen Zeichnungen, Bilder und Druckgrafiken verweisen zunächst auf Stile, auf die Geschicklichkeit der Hand und Klugheit des Kopfes. In den glücklichsten Momenten ersteht Bildhaftes von irritierender, magisch surrealer Eindringlichkeit. Ansonsten verharrt er in einer Bebilderung der genutzten stilistischen Sprache. Hierbei handelt es sich um eine unfreiwillig-postmoderne Strategie: es erblüht die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Jedoch herrscht der stupende Ernst des Historismus des 19. Jahrhunderts, der gar nicht erst versucht, den Kunstkäfig voller Ismen zu konterkarieren.

Als die kleine Zeichnung »Mecklenburger Bauer« 1959 entstand, hatte er die Arbeit an dem fünfteiligen Bild »Fünf Kontinente« im Leipziger Interhotel »Astoria« für die Messegäste vor einem Jahr beendet. Stilistisch bewegte er sich diesmal in einem leicht metaphysisch klaren, theatralischen Figurenkanon. Das Porträt des Bauern (Vorarbeit für eine Malerei?) hingegen wird sichtbar im Ton der Zeichentechnik von Jan van Eyck angefertigt. Es lässt sich sinnvoll mit einem meisterhaften Blatt des Altniederländers vergleichen. Er schuf für ein Brustbild des Kardinals Niccolò Albergati (ca. 1432 Wien, Kunsthistorisches Museum) eine Silberstiftzeichnung als Vorstudie mit entsprechenden Notizen für Farbgebung (undatiert, Dresden, Kupferstichkabinett). Hier geht jedoch der Blick des Kardinals nach links – der alte Mecklenburger mit den warmherzig wachen Augen schaut nach rechts. Dagegen ist die Lichtführung des Dreiviertelprofils ähnlich der in der Zeichnung von vor über fünfhundert Jahren. Auch die Kleidung ist bei beiden schlicht gehalten, ihre Kragen schließen dicht unterm Kinn und ihr Sehen geht in eine unbestimmte Ferne außerhalb des Bildes. Etwas Hoffnungsverheißendes beseelt sie. Diese Anwesenheit des Lichten steht im eigenwilligen Kontrast zu den büstenhaften Verankerungen am unteren Bildrand. Für die grafische Modulation des wettergegerbten, bäuerlichen Gesichts verfährt Tübke etwas lockerer als sein Vorbild, geht also etwas unorthodox mit den grafischen Strichlagen um. Dadurch gelingt ihm trotz der vielen kunsthistorischen Bezüge eine erstaunliche Beschreibung einer ganz eigenen Persönlichkeit.

Armin Hauer

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