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HANS TICHA (1940)

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Tor · 1985
Algrafie · 35,1 x 44 cm · 32 x 39,8cm
bez. u.M. Ticha 85 · erworben 2004

Sportliche Erfolge können für das Selbstbewusstsein einer Nation von großer Bedeutung sein. Das zeigte sich bereits 1954, als Deutschland Fußballweltmeister wurde, ebenso wie bei dem gewaltigen Medaillensegen, den die DDR - Sportler bei internationalen Wettkämpfen gewinnen konnten. Die Parole: schneller, höher, weiter – zumindest auf dem Gebiet des Sportes wurde sie in der kleinen DDR mit großem Erfolg realisiert.

Neben inoffiziell entstandenen regimekritischen Werken schuf Ticha vor allem Bilder und Grafiken zu den Themen Musik und Sport. Ob es nun Fuß-, Hand- oder Basketball sind, das Eishockey oder der Hürdenlauf ebenso wie das Tennisspiel oder das Ringen, für sie alle fand der Künstler eine stimmige und oft auch überraschende Bildidee. Dass seine Arbeiten auch bei den Sportlern und deren Managern auf Interesse und Zustimmung stießen, wird an der Auszeichnung mit dem Grand Premio des IOC, den Ticha 1968 anlässlich der Sport-Biennale in Barcelona erhielt, erkennbar. Gründe für das gegenseitige Interesse mögen darin bestanden haben, dass der Künstler wie die Sportler den Körper ästhetisch perfekt mit artistischem Können zelebrieren. Gewandtheit, Dynamik und Dramatik bestimmen so den Sport ebenso wie den Charakter der Algrafie »Tor«. Hier ist es Ticha wieder einmal gelungen, gewaltfrei-körperbestimmte Kampfsituationen adäquat in die Sprache des Bildes durch Farbe, Form und Kompositions-gefüge zu transponieren. Als Vorbild für seine scharf konturierten, ornamentalen Flächengestaltungen und die plakative Optik, wie sie sich durch die vereinfachte Verhältnismäßigkeit der Form- und Farbbeziehungen ergibt, dienten ihm zahlreiche Anregungsfaktoren. Zum einen waren es die Kunst von Fernand Léger und der Bauhausmaler, zum anderen das Werk der russischen Konstruktivisten sowie die Pop-Art, die sein Wollen bestätigten. Über Näheres hierzu berichtet der Künstler: »Meine Vorliebe für piktogrammähnliche Verknappungen haben zwei Ursprünge. Ich suche eine formale Annäherung der Illustration an das typografische Zeichen… Zum anderen finde ich Trivialkunst anregend.«168 Beide Faktoren finden sich in der vorgestellten Arbeit wieder, die den Moment höchster Konzentration und Aktion beim Spiel einfängt, wobei auch hier der Körper über den Geist triumphiert. Die kaleidoskophafte Verschachtelung des Raumes, die den sich in die Luft werfenden Sportler umgibt, lässt nur bei flüchtiger Betrachtung an ein Raumchaos denken. Vielmehr handelt es sich hier um ein klug abgewogenes, segmentiertes Gefüge, in dem sich die Diagonalstreifen des Hintergrundes als Hand- und Gesichtsformen offenbaren, die den Sportler gleichsam ummanteln. Zahlreiche weitere Assoziationsangebote lassen die Grafik für den Betrachter geheimnisvoll erscheinen, so dass er, nicht zuletzt auch durch die kräftig laute Farbigkeit, immer wieder zum Schauen angeregt wird. Dass bei dem im Verhältnis kleinen Kopf nur die bleckenden Zähne zu finden sind und auf jede malerisch modellierende Abstufung innerhalb eines Farbtons verzichtet wurde, ist auch eine Antwort des Künstlers auf den Charakter unserer Zeit, die bereits seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch eine zunehmende Entindividualisierung in allen Lebensbereichen gekennzeichnet wurde. Auf sie reagierte Ticha mit seinen kritischen wie humorvollen Arbeiten, wobei die Grenze zwischen beiden meist fließend verläuft.

Sein umfangreiches Werk, das neben Gemälden allein im Zeitraum von 1969 bis ins Jahr 2000 auf 83 illustrierte Bücher, 64 Umschlaggestaltungen und 36 Illustrationsbeteiligungen sowie 76 Druckgrafiken verweisen kann, macht die Arbeitslust und den nie ermüdenden Einfallsreichtum des Künstlers deutlich. Zugleich wird aber auch erkennbar, dass der unangepasste und oft sarkastische Humor ihm nicht nur Freunde einbrachte. So erhielt Ticha erst mit 36 Jahren die erste Einzelausstellung. Doch auch nach 1989 behält er, jetzt in der Konsumgesellschaft lebend, seinen kritisch humorvollen Blick bei. So fremd ist Ticha das neue System nicht. Er habe in der DDR seine »freiberufliche Tätigkeit… als rein kapitalistisches Prinzip erlebt.« Nur was er »an Arbeiten abgeliefert habe und was vom Auftraggeber auch akzeptiert wurde«,169 wurde ihm bezahlt.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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