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WILLI SITTE (1921)

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Zu Publius Ovidius Naso »Die Liebeskunst«,
Zweites Buch, S. 51 · 1970
Lithografie · 60 x 42,9 cm · unbez. · erworben 1977

In den Fünfzigerjahren setzte sich der später kulturpolitisch mächtigste bildende Künstler in der DDR mit den Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht in Lidice (1956–1960) und mit der Niederlage der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad (1954–1963) auseinander. Ein dramatisches Naturereignis, die große Hochwasserkatastrophe im Po-Delta 1951, berührte ihn ebenso nachhaltig. Wohl auch deswegen, weil er während des Krieges als Soldat zu den italienischen Partisanen überwechselte und nach Kriegsende einige Zeit in Italien lebte. Bei allem lag sein Wollen im Bestreben, die Einzelschicksale typisierend in Gruppenschicksale einzubetten. Hier die Opfer, dort die Täter (oder Verführten) und da die Verführer/Anführer (zumeist als Einzelperson aufgebaut). Insbesondere in den Zyklen zum 2. Weltkrieg stellt er diese Schicksalsgruppen in verschiedenen Bildsegmenten nebeneinander, versucht Massenmorde, Gefechtshandlungen, Tote und Befehlsgeber in vereinfachenden, sozialen und politischen Stereotypen anschaulich zu machen. Dabei greift er zu stilistischen Anleihen bei Picassos Guernicabild sowie zu dessen neoklassizistischem Stil und verbindet beides mit seiner etwas hölzernen, monumentalen Figuration. Auch in dem großen öffentlichen Auftrag für das Museum des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig von 1955/56 offenbart sich seine Vorliebe für einen zeichnerisch heroisch-illustrativen Stil, der diesmal seine Wurzeln bei den deutschen Nazarenern und nicht zuletzt bei seinem einzigen Lehrer, dem Monumentalmaler Werner Peiner (1897–1984), hat. (Mal abgesehen von den künstlerischen Schwächen ist festzustellen, dass sich in unmittelbarer Nachkriegszeit fast kein anderer deutscher Maler in Ost oder West so intensiv mit dem Thema des 2. Weltkriegs konfrontierte wie er.)

Als sich Sitte dann noch der Darstellung des Arbeiters und dessen Arbeitswelt in der Formsprache eines Fernard Léger (1881–1955) annahm, reagierten die Kulturfunktionäre mit reglementierender Ablehnung. Ab den Sechzigern verlor sich diese Sperrigkeit und der hehre Anspruch der Wahrheitssuche in Gestalt der postkubistischen und postneoklassizistischen Figuration. Er ging zu einer das zeichnerische Grundgerüst übertünchenden lockeren Malweise über. Nun erscheinen seine Themen auf den ersten Blick gleichfalls politisch aktuell (Vietnamkrieg, Auseinandersetzung zwischen den politischen Blöcken, Revanchismus in der BRD), dennoch blieb es bei plakativen Illustrationen der jeweiligen Thesen des »Neuen Deutschlands« (Pressezentralorgan der SED) und der jüngsten Parteitags- und Plenumsbeschlüsse der SED. Willi Sitte avancierte zum Staatsmaler und war Jahrzehnte Vorsitzender des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR. 1973 referierte er über sein künstlerisches Anliegen: »Meine Absicht ist es, immer wieder den siegreichen Aufbruch des Sozialismus seit Marx und Engels bis zu der von mir selber durchlebten Gegenwart sowohl im intimen als auch – was ich nicht als Gegensatz empfinde – im gesellschaftlichen Thema sichtbar zu machen, dabei zugleich die Kompliziertheit dieses Weges ins menschliche Neuland zu zeigen. Das Neue ist meist nicht leicht zu machen. Die Geschichte kennt die Zahl seiner Niederlagen und Siege… Eine solche Kunst kann es sich nicht erlauben, stehen zu bleiben und etwa die Kleingartenidylle dem revolutionären Kampf vorzuziehen.«94 Erstaunlich, dass zu den bunten »Schwarz-Weiß-Weltbildern« immer wieder einige Malereien und vor allem Zeichnungen mit einer höheren ästhetischen Qualität auftreten. In Akten und Liebespaaren sowie in Saunaszenen wird deutlich, dass ein anspruchsvolles Wollen und ein überschaubares Können sich zu einem glücklichen Moment des Bildhaften zusammenfinden. Um einer nahe liegenden Entpolitisierung dieser Sujets argumentativ entgegenzuarbeiten, bindet er diese in den Kontext von Gesellschaftlichkeit mit ein: »Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht der Mensch. Und der menschliche Körper ist für mich das, was für andere Maler vielleicht die Landschaft oder das Stillleben sind. Sicher liegt hier auch ein gewisses Experimentierfeld, wo man Neues probieren kann. Einen Akt oder ein Liebespaar zu malen bereitet mir auch große Freude. Und das besonders dann, wenn es mir durch das ›Wie‹ gelingt, mein Verhältnis zu meiner Umwelt – im engen und im weiteren Sinne – auszudrücken… Der Mensch ist ja gleichermaßen Natur- und gesellschaftliches Wesen, man kann das nicht voneinander trennen: der Mensch, wie er von Natur aus ist und wie er in der Gesellschaft geworden ist. Auch seine natürliche Körperlichkeit sagt etwas über das gesellschaftliche Leben, das Wesen der Gesellschaft, über Harmonie und Widersprüche.«95

In der Sammlung befinden sich von ihm weitere Grafiken sowie unter anderem das großformatige Diptychon »Mensch, Ritter, Tod und Teufel« aus dem Zeitraum 1969/70.

Armin Hauer

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