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FRANK SEIDEL (1959)

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Sitzende · 1988
Tusche, Beize · 50 x 67 cm
bez. r.u. Frank Seidel 10.88 · erworben 1989

Vor fast zwanzig Jahren trat der Autodidakt mit einer furiosen Ausstellung in der Berliner Galerie »Weißer Elephant« in den traditionellen Kreis der Bildhauer ein. Das sorgte für Verwirrung, Irritationen, für Polarisierungen in den Reihen der Kenner und in denen der Kollegen. Irgendwo aus dem Umfeld von Alberto Giacometti (1901–1966) kommend, standen seine verwundbaren Geschöpfe aus Gips, Eisenspänen und Armierungseisen auf einmal da, ein Woher und Wohin schien nicht einsichtig. Ihre Bewegungen hatten etwas Transitorisches und sogleich jenes archaisch Ewige an sich. Schmale Basis, immer breiter werdende Oberkörper und große Köpfe assoziieren Embryonales. Einsam, als lose Gruppen inszeniert oder in die Dramaturgie religiöser Szenarien eingespannt, verbanden sie chthonische Energien mit denen einer fast spirituellen Vergeistigung. (Das Museum kaufte als erste öffentliche Kunstsammlung 1990 ein Hauptwerk von ihm, die sechsteilige Installation »Kreuzigung – Frankfurter Gruppe«, an.223) Das ewige Paradoxon in der Plastik, dem Immateriellen und dem Irrationalen mittels schwerster Materie Sichtbarkeit geben, bedingte einen obsessiv ausufernden Schaffensrausch.224 Gleichzeitig ging er von der Dreidimensionalität der Plastik nun konsequent auf die Fläche der Leinwände über. Auch dort erscheinen zumeist vereinzelte Wesen. Es sind amorphe und anthropomorphe Seelenformen, die sich zuvor unter physischen Qualen häuteten, nun sich wehren gegen eine weitere Entleibung – oder sich danach verzehren. Vor unheilschwangeren Gründen finden die atavistischen Transformationen von Physis zu Psyche kein Ende. Biblisches dient als Ausgangspunkt für furiose, beängstigend dunkle Lichtgestalten oder Amorphes gerät zu geschundenen Körperrudimenten: stürzend, erhängt – taumelnd, sich windend vor dem beklemmend atmenden Orkus. Diese Phase hält bis heute an. Und Frank Seidel ist einer der wenigen in der Kunst, die so etwas wie eine stete Anwesenheit des ambivalenten, solitären Menschseins zu formulieren suchen, es erblicken und uns davon berichten.

Schon immer entstanden zu den Plastiken seit Mitte der Achtziger Zeichnungen in den unterschiedlichsten Mischtechniken auf Papier. Zur haptischen Welt gesellte sich (ebenso im Rausch des Herauswerfens aus den unergründlichen Impulsen des Unbewussten kommend) die der Flächenassoziation. Mit holzfarbiger Beize und schwarzer Tusche brachte er in unzähligen Blättern Chiffren auf wesenhaft Kreatürliches ans Tageslicht. Dabei wird das Papier zur archaisch raunenden Membran zwischen den Bereichen des Sichtbaren und des Erahnten. Sie bannt, wie Fotopapier, diese Momentaufnahmen von den sich schnell ereignenden Schöpfungsphasen. Konsequenterweise kann es davon kein endgültiges Bild geben, keine klaren Ortsbezeichnungen sowie eindeutige Formulierungen. Andeutungen sind schon das Konkrete; sie bleiben es, auch wenn sich nur Rudimente des Organischen ausmachen lassen. Der Beizeton an sich hat schon immer etwas Dunkles und Unergründliches, kommen dann noch die erregt hingehauenen Flecke und die äußerst halluzinativ gesetzten schwarzen Strichlagen hinzu, können sich Menschen, Tiere oder Vegetabiles herausbilden – doch alles erscheint flächig, wie eingeklemmt zwischen der Bildaußenhaut und dem Hintergrund. Seine Geschöpfe fliehen einer womöglich zustande kommenden, starren Zeichenhaftigkeit. Sie entweichen in die ahnungsvollen Sümpfe des Unentschiedenen. Wie in einem Rorschach-Test wird unsere Fantasie herausgefordert. Die Vorstellungswelt und psychische Konstellation jedes Einzelnen kann sie »erlösen«: beleben. Dieser Moment des Sehens, Erkennens und Deutens erinnert ebenso an unseren Umgang mit den prähistorischen Höhlenmalereien, mit Kultzeichen alter und außereuropäischer Kulturen. Ein Rest des Unauflösbaren bleibt immer: etwas Geheimnisvolles – etwas magisch Unheimliches, etwas, das vielleicht durch weiteres Analysieren seine Kraft verliert. Gerade dieser Aspekt des Irrationalen in der Zeit der postmodernen Dekonstruktionsfreuden macht die kraftvolle Bildmagie seiner Zeichnungen aus. Aus morastigem Braungefleckten – dem Bennschen Urschlamm225 oder dem alchimistischen Urstoff? – steigen Schattenwesen auf. Sie erheben sich vor dem nun erstrahlenden Grund. (Platons Höhlengleichnis kommt einem in den Sinn: die in einer Höhle lebenden Menschen halten Schatten durch den Feuerschein für die Dinge an sich. Dabei sind diese wiederum nur Abbilder eines Ideals, das vor der Höhle von der Sonne das Licht erhält.) Die »Sitzende« krümmt ihren Körper wie ein Fötus, der sich noch in der Geborgenheit des Mutterleibs Erde wähnt. Informelle Beizespuren deuten eine Störung dieses Zustandes an. Ihr Kopf ist schon der kalten Schutzlosigkeit des Lichts ausgeliefert; etwas Unumkehrbares hat begonnen, die Rückkehr zum schützenden Urzustand ist unmöglich.

Armin Hauer

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