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GIL SCHLESINGER (1931)

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Ohne Titel (Installation von 15 Zeichnungen)
Tusche125 (auf Packpapier) · je 120 x 80 cm
bez.126 · erworben 2002

Was veranlasst Maler und Schriftsteller, sich immer wieder von neuem dem Publikum preiszugeben? Max Frisch stellte in diesem Zusammenhang fest, dass der eine Teil von ihnen das tue, »um die Welt zu verändern«, der andere dagegen, um diese »zu ertragen, um standzuhalten sich selbst, um am Leben zu bleiben«.127 Dass Gil Schlesinger ohne Zweifel zur zweiten Kategorie zu zählen ist, wird dabei weniger vom intellektuellen Wollen bestimmt, sondern vielmehr von seiner Emotionalität, vom künstlerischen Temperament. Dennoch hängt es letztlich nur mittelbar vom Einzelnen selbst ab, mit welcher Thematik er sich beschäftigt. Vielmehr ist es die Zeit, in der der Künstler lebt, wie das soziale Umfeld, in das er hineingeboren wird, die ihn zwingen, bestimmte Fragen zu stellen, einer konkreten Thematik nachzugehen und hierfür den adäquaten Formenapparat zu finden. So manifestiert sich in der bildenden Kunst auch eine Verdichtung von Geschichte, die an den Werken von Gil Schlesinger besonders eindrucksvoll erkennbar wird. Geprägt von der Vielfalt eines oft erzwungenen Lebensweges, weisen diese in ihrer sensiblen Vielgestaltigkeit mittelbar auf die Brüche und Diskontinuitäten in der deutschen Geschichte der letzten sechzig Jahre hin. Zugleich werden sie aber von einer urbanen Welthaltigkeit bestimmt, die sich bei ihm jedoch nie ins beliebig Unverbindliche verliert.

Das musisch intellektuelle Klima eines freisinnig jüdischen Elternhauses sowie die Schriften des Talmud mit ihren hebräischen Schriftzeichen sollten die Grundlage für die Lebens- und Bildvorstellung des Künstlers bilden. Doch neben dieser verzauberten Welt bekam Schlesinger schon früh Härte und Grausamkeit des faschistischen Alltags zu spüren. Nach Kriegsende wanderte er nach Israel aus. Hier waren es die Bekanntschaft mit Intellektuellen und bildenden Künstlern, die ihm handwerklich technische Kenntnisse vermittelten und Schlesinger zugleich geistigkulturelle Horizonte erschlossen. Als die Mutter in die DDR übersiedelte, folgte ihr der Sohn 1955 nach. In Leipzig entwickelte er seine bis heute gültige Bildsprache. Mit großzügig expressiver Geste wird die Farbe in spontaner Entschiedenheit auf die Leinwand oder das Papier aufgetragen. Die Grenzen zwischen nonfigurativer und gegenstandsbezogener Gestaltung sind fließend, so dass seine Arbeiten jenseits von Stilen und Strömungen sowohl Aktualität wie Zeitlosigkeit in sich vereinen. Die unangepasste Besonderheit des Werkes wie die Persönlichkeit des Künstlers sollten ihn für das offizielle Kunstgeschehen in der DDR zur kaum beachteten Randfigur128 werden lassen. So blieb ein Unbefriedigtsein zurück, weshalb er 1980 die DDR verließ. Als der Künstler bereits 1 Jahr in München lebte, entstand eine Installation von 15 großformatigen Tuschzeichnungen, die zu seinem zeichnerischen Hauptwerk zählt. Sie ist eine Synthese von Erfahrungen, die er in den verschiedensten Lebenssituationen gewinnen konnte und die sich in der Rückschau bei ihm zur Form verfestigt haben. Die erlebte Kenntnis von der Vielfalt der Kulturen ermöglichte ihm dabei eine besondere Perspektive der Sicht. Diese besteht vor allem darin, das Gemeinsame des auf den ersten Blick so Unterschiedlichen zu erkennen und hierfür eine adäquate Formulierungsmöglichkeit zu finden. Nicht zuletzt ist das einer der Gründe dafür, dass diese Blätter an bildgewordene Mythen erinnern. Dabei ist es das intuitive Spiel mit der freien Form, das bei näherem Hinsehen immer wieder Reales erkennen lässt. Geometrische Grundformen, wie hebräische und lateinische Worte und Buchstaben, aber auch eine Vielfalt von Zeichen und Zahlen, die an geschichtsträchtige Symbole denken lassen, sind es, die einen formalen Dialog miteinander führen. Obwohl sie nie eindeutig definierbar und inhaltlich zuzuordnen sind, haben diese sich dennoch nie ganz von ihren ursprünglichen Wurzeln gelöst. Dadurch nehmen sie die Form dieser uralten Bilder an, die oft verschüttete Realitätsebenen wieder ahnbar werden lassen.129 Durch das Zusammenspiel der Papierstruktur mit dem momentanen Erhaltungszustand des Blattes und dem malerischen Konzept bekommen seine Zeichnungen einen Charakter, der sowohl von organischer Lebendigkeit als auch durch Verletzlichkeit und so letztlich von Kostbarkeit geprägt wird.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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