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CORNELIA SCHLEIME (1953)

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Rituale I–VI · 1995/96
Tusche · 50 x 69,8 cm (I) · 49,8 x 64,4 cm (II) · 50 x 69,8 cm (III)
50 x 64,8 cm (IV) · 50 x 69,6 cm (V) · 50 x 70 cm (VI)
bez. u.r. C. M. P Schleime 95 (I, V, VI), 96 (II, III, IV) 
erworben 2003

War die progressive westeuropäische Kunst seit Jahrzehnten darauf festgelegt, das Disharmonische, Antiklassische und Konfliktbeladene zu thematisieren, sollte sich das mit der »neuen Gegenständlichkeit« seit den 80er Jahren ändern. Zu ihren herausragenden Vertretern gehört Cornelia Schleime. Doch was fasziniert die Betrachter gerade an ihren Werken? Vor allem ist es das delikate malerische Können, das sowohl ihre Gemälde, vor allem aber auch ihre Zeichnungen bestimmt. Dieses paart sich mit ihrer unbändigen Lust, positive optische Aspekte des Seins erkennbar zu machen. Das gelingt ihr auf eindrucksvolle Weise nicht zuletzt auch dadurch, dass ein leiser Unterton von Melancholie in ihren Arbeiten zum Klingen gebracht wird, der auch als Heimweh nach der verlorenen und so besser und schöner scheinenden Welt zu deuten ist. Demzufolge sind ihre Gemälde ebenso wie die Zeichnungen meist in der Vergangenheit angesiedelt. Das zeigt sich in der Wahl der Themen als auch in den Bildvorlagen selbst. Doch alte Photos und Zeitungsdrucke sowie Film- und Videoaufnahmen, aber auch Postkarten dienen der Künstlerin oft nicht als direkte Vorlage, sondern als Anregung für die Arbeit. Nicht zuletzt wird so von ihr eine Distanz zum gegenwärtig Realen geschaffen, wobei die Arbeiten aber dennoch eine unglaubliche Diesseitigkeit besitzen. Etwas widersprüchlich Rätselhaftes entsteht so, das uns veranlasst, ihre Arbeiten immer wieder von neuem zu betrachten. Unerwartete formale, aber auch inhaltliche Lösungen weisen dabei auf eine Persönlichkeit hin, die sich von nichts und niemandem vereinnahmen lässt. Ihre Biografie bestätigt diese Behauptung. Die Künstlerin erkennt aber auch die eigene Widersprüchlichkeit des Wollens. Sie nutzt diese für ihr Schaffen, um die Spannung zwischen räumlichen Dimensionen wie Klein zu Groß ebenso zu erhalten wie z.B. von vielen Figuren zu einer. So entstehen parallel und gleichberechtigt neben der Malerei Aquarelle und farbige Zeichnungen. Hier ist es ein spontaner Arbeitsprozess, der sich mit dem Aufzeichnen von Gesehenem, aber auch Erlebtem und Empfundenem verbindet. Die Leichtigkeit sowie die differenzierte Motorik der Handschrift bestimmen ihre Arbeiten auf Papier. Das belegen die 6 Wasserfarbenblätter zum Thema Rituale. Hier wird der sensible Umgang mit den verschiedenen Papierarten, die als Bildgrund dienen, ebenso erkennbar wie die stimmige Farbauswahl der Gründe, die sie in geschickter Weise ins Verhältnis zur Persönlichkeit der Dargestellten zu setzen weiß. Ein zartes Rosé oder Lindgrün und Türkis sowie ein helles Ocker unterstreichen den Liebreiz der weichen Jungmädchengesichter. Nur die überdimensionierten Zöpfe, die zum Teil die Horizontale oder auch diagonal die Papierfläche umspannen und sie zugleich konsequent gliedern, sprechen von einer kraftvoll ungebändigten Natur der Mädchen. Sie lassen die Dargestellten zum Teil zur ornamentalen Arabeske werden und geben ihnen aber auch eine phantastisch surreale Note. Die Künstlerin bekennt: »Das Zarte kommt besonders in den Zeichnungen zur Geltung, die intuitiv aus mir entstehen. Es bedarf eigentlich überhaupt keiner Anstrengungen. Diese Zeichnungen sind in mir, es fließt, und das ist das, was ich kann.«218

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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