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HANS SCHEUERECKER (1951)

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Ohne Titel (Kopf) · 1989/90
Gouache · 75,2 x 50,2 cm · unbez. · erworben 1989/90

Der Cottbusser Allroundkünstler irritierte, polarisierte und faszinierte in den Achtzigerjahren die alternative und offizielle Kunstszene in dem so scheinbar alternativlosen kleinen Land. Er agierte auch als Performer: bemalte meterhohe und -lange Papierbahnen; dazu ereignete sich zumeist ein furioses Free-Jazz-Happening plus dionysischer Körperbemalung von jungen Frauen. Sie durchstießen die Bilder, schritten aus ihnen heraus – hinein. Der Trend zum Gesamtkunstwerk ist hier schon augenscheinlich, zumal manchmal noch Tänzerinnen den Abgrund zwischen Kunstwelt und Leben zu überbrücken versuchten. Eigens für diese Aktionen fertigte er aus seinem »Bildpersonal« Hartfasersilhouetten an – das flache Bild wurde zum räumlichen. (Im Museum befindet sich unter anderem die Gruppe »Der letzte Tanz« und ein Beitrag im Katalog des MJK aus dem Jahr 2000 geht auf diese Variante eines Gesamtkunstwerks unter Einbeziehung von Musik, Tanz und Malerei/Skulptur ein.) Diese Performances waren damals etwas Unerhörtes und konnte vom Künstlerverband, dessen Mitglied er seit 1979 war, nicht so recht eingeordnet werden. Der Autodidakt Scheuerecker bewies sich dennoch als Lebenskünstler, als Maler sowie Zeichner. Von der Nichtkunststadt Cottbus aus eroberte er die damaligen Kunstzentren und ebenso die Ausstellungsveranstaltungen an der Peripherie.

Der erste stilistische Wechsel setzte zu diesem für ihn markanten Stil zu Beginn der Achtzigerjahre ein. Die sichtbaren Dinge und die Möglichkeit ihrer Aneignung durch das gegenstandsbetonte Malen nach der Natur brachte ihn anfangs in die Nähe des deutschen Expressionismus, der sublimen Dresdner Farbkultur und in die Nachbarschaft der melancholisch verinnerlichten Figuren eines Amedeo Modigliani (1884–1920). Der Bruch mit dem beschrittenen Weg kündigte sich in der Verselbstständigung der Linie in den Zeichnungen am Ende der Siebzigerjahre an: Landschaftszeichen, lyrisch-strukturierte Flächen und die offene Bildfolge ab 1984 »Aus der Folge Gesichte« entstanden. Das sind fiktive Köpfe, Landschaftszeichen und Meditationsflächen. Aus dieser Endlosfolge stammt die abgebildete Gouache aus dem Jahr 1989/90. Die Spontaneität des malerischen Zeichnens ist aber nur eine scheinbare. In einem langwierigen Arbeitsvorgang wird zunächst eine kleinere Zeichnung mittels Projektors vergrößert. Anschließend kommt es zur Tilgung von unliebsamen Zufälligkeiten und das wesentliche Bildsignal taucht als diffizile Ganzheitlichkeit auf. Ahnungen einer einstmals kollektiven Zeichensprache werden wach. Die Schichten des Bewusstseins zeigen ihre Leerstellen, langsam sickern aus den Tiefen des Unbewussten archaische Grundmuster elementarer Befindlichkeiten hervor.

So ist es verständlich, dass wir keine Welterklärung für das Warum und Wieso zu erwarten haben – auch baut er keine semantischen Dialogbilder, wie es A.R. Penck (1939) macht. Ein Drang, nichts unberührt zu lassen, alles zu bedecken, nichts offen, also nichts im Ungewissen zu belassen, hat verschiedene Ursachen. Bei ihm ließe sich ein Horror vacui als Teil der Wahlverwandtschaft zur Kinderkunst, zur Art brut und zu den Graffitikünstlern verstehen. Andererseits wird es sein Vermögen sein, auf den künstlerischen Ansatz spielerisch einzugehen und ihn bis aufs Letzte auszuschöpfen. Zunächst überwog eine dynamische Direktheit und die überwältigende Sinnlichkeit der exzessiven Lineatur. Später ergab sich ein psychogrammartiges Alphabet, hier und da kommt ein lustvolles Tändeln mit Ornament und Kurvaturen auf. Sie umkreisen, lassen entstehen und deuten Figurales und Nonverbales. Der Strich erinnert an asiatische Federzeichnungen; assoziiert Ruhe, Harmonie und Kontemplation. Die nervöse Brüchigkeit der Linie tritt zurück. Sie ist manchmal mit einer bravourösen Eleganz gezeichnet und überrascht sowie vereinnahmt den Blick des Betrachters. Auch die Farbe fand Ende der Achtzigerjahre wieder Aufnahme ins Bild; zunächst als neutral gesetztes Farbband, später werden es flächig ausgewogene Arrangements zwischen den Figuren und Zeichen. Danach – und bis hinein in sein jetziges Schaffen – baute er den Wohlklang von Farbflächen und die sinnlich-hochkultivierte Freude an ihrer Eleganz aus. So erweist er sich immer mehr als ein Vermittler zwischen einer deutschen, expressiv geprägten Zeichenkunst (die ganz der Linie vertraut) und den dekorativen Farbklängen des späten Henri Matisse (1869–1954). Seine Hingabe an die Oberfläche brillanter Farbkompositionen ist in der deutschen Kunstlandschaft auf diesem hohen ästhetischen Niveau sehr selten zu erleben.

Armin Hauer

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