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WILHELM RUDOLPH (1889 - 1982)

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Aus der Holzschnittfolge:
Dresden 13. Februar 1945, Am Amalienplatz · 1947
Holzschnitt (Handdruck) · 52 x 64,5 cm ·  39,7 x 50 cm
bez. r.u. Wilhelm Rudolph · erworben 1970

Im Bestand der Grafiksammlung befinden sich weit über sechzig Blätter des Dresdner spätimpressionistischen Malers und Grafikers. Die inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf den Landschafts- und Tierdarstellungen aus der Vorkriegszeit und auf den Holzschnitten aus der Folge: »Dresden 13. Februar 1945«. (Dieses Datum bezieht sich auf die Bombardements in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 durch die Bomber der 5. Royal Air Force auf die so genannte Elbmetropole.) Die Mehrheit dieser erschütternden Blätter entstanden um 1947 als Handdruck, eingegraben in das Holz nach den Zeichnungen und Skizzen, die er gleich nach dem mörderischen Bombenangriff inmitten des Ruinenwaldes machte. »Noch im Februar habe ich begonnen zu zeichnen. Man musste sich doch aufraffen. Das erste Blatt war die Ruine meines eigenen Hauses. Aber Soldaten haben mich vertrieben. Jeden Tag habe ich gezeichnet. Fünfzig Blätter hatte ich fertig bis zum 8. Mai. Also bis der Russe kam. Das war gefährlich zuletzt.«25 Seine Art, die Kriegsverwüstungen einer Stadt mit grafischer Technik zu »dokumentieren« (um so auch dem Unfassbaren nicht total ausgeliefert zu sein), ist in der deutschen Nachkriegskunst einmalig. Er trauert nicht, klagt nicht an, er zeigt ein »So ist es«. Die brüchig-vereinsamten Strukturen seiner Holzschneidetechnik steigerten den Aspekt des real Unfassbaren. »Die Schwachköppe haben immer geschrieben, ich hätte während des Angriffs gezeichnet, während des Angriffs! Während des Angriffs, da ist man um sein Leben gelaufen, um sein nacktes Leben! Keine Ahnung. Die Stadt hat drei Tage lang gebrannt, in den Kellern hat es nach einer Woche noch gebrannt.« Und weiter in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Horst Drescher: » Zum Trauern war gar keine Zeit; 1945 hat keiner getrauert; da ging es ums Überleben. Ich habe gezeichnet, ich habe wie besessen gezeichnet. Es war doch alles noch da, das ist doch das Unvorstellbare. Dresden stand doch noch, die Feuersbrunst hatte den Sandstein der Häuser wie Skelette stehen lassen. Erst später wurde das weggesprengt, fiel das ein. Der Sandstein hatte helle schöne Farben! Nur Glas zerfiel wie Schnee.«26

Viele Jahre wurden die Holzschnitte nicht gern gesehen. Die Vergangenheit und deren Interpretation musste ruhen. Wenn sie eine Rolle spielen sollte, dann zumindest als ein antifaschistischer Gründungsbaustein für die Vollendung des sozialistischen Staatsgebäudes. Aufbaubilder waren gefragt mit rauchenden Schornsteinen, modernen Wohnanlagen und mit emsig schaffenden Männern und Frauen. «Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt...«, so in der Nationalhymne der DDR von Johannes R. Becher (1891–1958) zweckoptimistisch gedichtet. Neues schaffen ohne groß nach hinten zu schauen, stand nach der unsäglichen Formalismusdebatte um 1950 auf der Tagesordnung des Forderungskatalogs der Polit- und Kulturfunktionäre in der werdenden DDR. Im Westen Deutschlands blendeten die aufgehende Sonne des Wirtschaftswunders sowie der Drang zur eigenen Kleinbürgeridylle den Blick nach hinten. Im Osten sollte die aufgehende Sonne der kommunistischen Zukunft das Gestern überstrahlen. Trauerarbeit und Vergangenheitsbewältigung wurden in beiden Teilen Deutschlands durch Aktionismus und Verdrängungsarbeit ersetzt.

Es gibt Fotos von den Folgen der Luftangriffe auf Dresden, unter anderem von Richard Peter sen. (1895–1977). Sie zeigen uns (heute schockierende) Leichenberge, einzelne Opfer, Ruinen und Panoramablicke auf das Trümmerfeld. Anders der Blick des damals 56-Jährigen27 aus den Schneisen der Verwüstung heraus. Die zerstörten Bürgerhäuser und Mietskasernen erstehen mittels eines brillanten grafischen Sensualismus auf weißem Papier. Das ist an sich schon ein paradoxes, stark irritierendes visuelles Ereignis. Noch in seiner Eindringlichkeit verstärkt wird es durch die kalte Lichtführung, den gespenstischen Schattenwurf und nicht zuletzt durch die bizarren, surrealen Strukturen des zerfallenden Mauerwerks. Die ausgeweideten Häuser glotzen den Betrachter an, bedrängen ihn wie Wesen aus einem Alptraum, denen nicht zu entkommen ist. Fragil und sogleich massiv, lässt Wilhelm Rudolph Haus für Haus, Straßenzug für Straßenzug an uns herantreten. Post mortem gibt er ihnen ein Gesicht – welches zugleich zu einer namentlichen Grabstele wird: Amalienplatz, Mathildenstraße, Zöllnerstraße, Strehlener Straße, Berliner Straße, Moritzstraße, Am Königsufer.

Armin Hauer

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