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HANS THEO RICHTER (1902 - 1969)

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Schützende Hände · 1968
Lithografie 19/31 · 54 x 37,8 cm · 35 x 16,5 cm
bez. Richter · erworben 1977

Ursprünglich hatte Hans Theo Richter den Wunsch, Bildhauer zu werden, was sich jedoch durch seine körperliche Konstitution nicht realisieren ließ. So schwankte der aus bürgerlichem Elternhaus stammende junge Mann zwischen einer Ausbildung als Musiker und bildender Künstler. Nicht zuletzt wurde er durch sein familiäres Umfeld, in dem Vertreter beider Berufsgruppen anzutreffen waren, hierzu angeregt. Er entschied sich für ein Studium an der Kunstgewerbeschule und lebte ab 1923 als freischaffender Maler und Grafiker in Dresden. Sein selbstkritischer Blick, verbunden mit den hohen Anforderungen an das eigene Tun, ließen ihn drei Jahre später die Kunstakademie in Dresden besuchen, wo er bis 1931 Meisterschüler von Otto Dix wurde. Durch dessen »ausgeprägte Persönlichkeit, sein Wesen, das völlig anders war« als das Richters, habe dieser künstlerisch zu sich selbst gefunden. Das sei sein »größter Dank an ihn«.78 Im Unterschied zum Lehrer blieb Richter über den Schaffenszeitraum von mehr als 40 Jahren unbeeinflusst von den Zeitereignissen. Man kann den Künstler so im besten Sinne des Wortes als konservativen Klassiker bezeichnen. Darunter ist zu verstehen, dass er zeitlebens das Vollkommene und somit Ausgereifte, d.h. das maßvoll Ausgewogene und von Spannungen erlöste, anstrebte und es in klarer Gesetzmäßigkeit darzustellen verstand. Er bekennt in diesem Zusammenhang: »Jede Kunst ist für mich ein Zurückführen, eine Ordnung, die groß und einfach ist«.79 Diese fand er verbunden mit der Virtuosität und künstlerischen Genialität des Schwarz-Weiß in der Grafik eines Rembrandt, die für ihn ebenso zum Maßstab wurde, wie er große Sympathie für die Kunst von Käthe Kollwitz hegte, mit der er sogar eine Arbeit tauschte. Weit stärker als diese legte sich Richter sowohl eine formale als auch inhaltliche Selbstbeschränkung auf, um so in seinem Schaffen zur angestrebten Vollendung zu gelangen. Demzufolge entstanden ausschließlich Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafik. Thematisch ist es meist der Einzelne oder die kleine Gruppe, der er sich in ihrem unspektakulären Alltagsdasein nähert. Ob es nun Kleinstkinder sind, allein im Spiel versunken oder in den behütenden Armen der Mutter bzw. in der Obhut des Großvaters, genau so gern wählt er junge Mädchen als Modell, die versunken ihr Spiegelbild betrachten, Geige spielen oder dem Spiel sinnend lauschen. Immer ist es das introvertierte Sein oder leises bedachtsames Tun, das die Bildaussage bestimmt. Nie gleitet der Künstler dabei ins Illustrative ab. So dominiert äußerste Sparsamkeit und Einfachheit in der Gebärdensprache der Dargestellten, die er in halber oder ganzer Figur, von vorn, der Seite oder als Rückenfigur wiedergibt. Dabei fällt immer wieder die starke Plastizität der Figuren auf, die an den ursprünglichen Berufswunsch, Bildhauer zu werden, denken lässt, aber auch an die seine Kunst befruchtende Freundschaft zu geistesverwandten Bildhauern wie Gerhard Marcks und Gustav Seitz. Wie diese führt auch er bei seinen Blei-, Kohle- und Kreidezeichnungen und Grafiken alle Formen zunächst auf Urformen wie Kreis, Ellipse und Quadrat zurück, um dann bei den Handzeichnungen wie bei den Grafiken mit sensibel zarter Lineatur die Figur vor dem weißen Blattgrund hervorzuheben oder sie aus dem dunklen Grund, den der Künstler gern als »Urmasse« bezeichnete, herauszuschälen. Bei der Grafik bevorzugt Richter die Lithografie, die er meist auf Umdruckpapier mit Pinsel, Feder und besonders gern mit Kreide zeichnet. Dem Aquarell hat sich der Künstler nur sporadisch während der Jahre 1932, 1933 und 1951 zugewandt, was er mit den Worten begründet: »Der Krieg hat mir die Farbe verschüttet«.80 Auf eine Zahl prominenter Schüler, wie u.a. Joachim John, Gerhard Kettner, Klaus Magnus, Max Uhlig, Claus Weidensdorfer und Dieter Goltzsche, konnte der strenge Lehrer Richter zurückblicken. Mit Hochachtung und zum Teil auch mit Liebe gedenken sie der Worte des Lehrers, die für diesen zum Schaffensgrundsatz wurden: »Jeder Strich muss Sinn und Charakter besitzen, Lebendigkeit und Frische bewahren… Nicht äußerlich und liederlich werden. Sondern formen und vergeistigen; nicht nach Außen explodieren, sondern nach Innen explodieren, den Kern freilegen.«81

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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