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NURIA QUEVEDO (1938)

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Nach dem Regen · 1978
Aquarell · 56,9 x 77,2 cm
bez. r.u. Quevedo 78 · erworben 1978

»Mit meiner Stimme sprechen: Das Äußerste. Mehr, Anderes habe ich nicht gewollt.«149
Das sind jene Worte, die Christa Wolf für ihre »Kassandra«150 wählte. Nuria Quevedo, die jene Sätze der Schriftstellerin zum Leitgedanken einer Mappe mit Radierungen und Kohlezeichnungen zu diesem Thema schuf, identifizierte sich darüber hinaus in ihrem gesamten Werk mit dem Anspruch der Schriftstellerin.
Als sie 14 Jahre alt ist, emigriert ihre Familie aus Spanien in die DDR. Hier studierte sie Grafik an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Es entstehen zunächst freie Grafiken, vor allem aber zahlreiche Illustrationen zur deutschen und spanischen Literatur. Doch bald sollte sich ein Gleichgewicht zwischen ihrem grafischen Schaffen und dem Malen und Aquarellieren einstellen. Unabhängig aber von den Themen und Techniken geht die Künstlerin in ihrem Werk immer eine Synthese von spanischem und deutschem Traditionsverständnis ein. Die Verschiedenheit sowohl der Empfindungsweisen als auch des Kunsterbes beider Länder versteht sie dabei wirkungsvoll miteinander zu verbinden und in die Gestaltung einfließen zu lassen. So wird in ihrer Kunst »der Hang zum Meditieren und Philosophieren«151 deutlich, übrigens ein Wesenszug, in dem Nuria Quevedo auch die »Gemeinsamkeit zwischen deutscher und spanischer Mentalität«152 sieht. Dieses kontemplative Moment wird besonders intensiv bei ihren Landschaften nachvollziehbar. Seit jeher beeinflusste die Natur ihre Arbeit. Auf die Bleistiftzeichnungen unmittelbar vor der Natur folgte seit 1975 bei Nuria Quevedo das Aquarellieren, für das ihre Skizzen und Fotos als Vorlage und Erinnerungsstützen dienten. Der norddeutsche Raum und Mecklenburg sind dabei für die Künstlerin von besonderem Interesse. Sie selbst bestätigte das mit den Worten: »Ihre Farbigkeit liegt mir sehr, das Herbe auch, das Anspruchslose, das so viel Schönes enthält«153 Das gilt auch für die Landschaft der Ostsee, wenn sie sich auch erst an deren Besonderheit gewöhnen musste, weil sie als Kind am Mittelmeer groß geworden ist. Statt seines Blaus wirkte nicht nur das Grüngrau unserer Küste zunächst sehr fremd auf sie, sondern auch »dieser ewig silbrige Himmel. Aber dieses alles ist mir jetzt nahe«,154 bekennt die Künstlerin. Doch verstummte deshalb die künstlerische Äußerung über die Landschaft der spanischen Heimat nicht. Neben der Konzentration auf wachgebliebene Erinnerungen trat von Zeit zu Zeit durch Reisen nach Spanien die Kontrolle durch das unmittelbare Erlebnis. »Dieser spannungsreiche Gegensatz zwischen den beiden so unterschiedlichen Landschaften«155 ist ihrer persönlichen Meinung nach »eine interessante Motivation«.156 Dem spanischen Erbe wird dabei sicher jener grünlich-goldene Farbklang anzurechnen sein, der bei den einzelnen Blättern in unterschiedlicher Abwandlung erscheint. Aber nicht nur die figürlichen Darstellungen, auch die Landschaften besitzen nichts Liebliches. Von herber Strenge sind die anspruchslosen Motive, sind Wiesen und Brachfelder geprägt, wobei die landschaftliche Weite ebenso eingefangen wird wie atmosphärisches Geschehen. Meist werden Stimmungen des Herbstes oder Vorfrühlings gewählt, ist der Zeitpunkt unmittelbar vor oder nach dem Regen eingefangen, so dass Spieglungen von Büschen und Bäumen auf den Wiesen das Gefühl von Schwerblütigkeit noch verstärken. Dabei wurde die Farbe Schicht für Schicht aufgetragen, ohne hierdurch ihre Transparenz zu zerstören. Ein feiner Goldton überzieht nicht selten als letzte Schicht das gesamte Blatt. Doch auch hier wird jene sonore Stimmung durch das Übereinandertragen von warmen und kalten Gelbtönen unterbrochen, wodurch mit den widersprüchlichen Farbzusammenklängen eine nachhaltig beunruhigende Wirkung erzeugt wird, die jedoch nichts mit depressiv stimmender Traurigkeit zu tun hat. Ihre Motivation für die künstlerische Arbeit fasst Nuria Quevedo mit den Worten zusammen: »Malen und Zeichnen resultiert aus dem Bestreben, sich selbst auszudrücken, sich mit bestimmten Erlebnissen auseinander zu setzen, Konflikte zu überwinden, sich zu befreien. Es kann auch ein Prozess des Nachdenkens, ein Mittel zur Erkenntnis sein. Man versucht, die Umwelt, die Mitmenschen besser zu begreifen«.157

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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