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CURT QUERNER (1904 - 1976)

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Rückenakt am Fenster · 1967
Grafit · 60,2 x 35,2 cm
bez.  r.u. Qu. 17.4.67 · erworben 1967

Am 8.11.1959 schreibt Curt Querner in sein Tagebuch: das »Urwüchsige, Vitale, das Abgerackerte, das Strotzende, Überschäumende des Fleisches, ja ihren Geruch nach allem Möglichen, Milch, Heu, Kuh – all das müsste beim Malen mit hereinkommen. Eine Landschaft mit tausend Gesichtern. Man sollte nicht müde werden, zu suchen und zu beobachten. Man wird niemals fertig. Vielleicht will man zu viel? Was hab’ ich nicht alles nach Modell H. gemalt! Immer darauf aus, jetzt den großen Wurf zu machen, eine endgültige Lösung dieses Plastischen, Farbigen, dieses Volumens zu finden.«82 Mit diesem Bekenntnis, das sich auf Herta Mickan, eine junge Frau seines Heimatdorfes bezieht, gibt der Künstler wesentliche Grundsätze seines Schaffens preis. So trifft man das urwüchsig Vitale und zugleich aber auch das abgerackert Verbrauchte bei den Darstellungen fast aller seiner Modelle an. Aus dem unmittelbaren Lebensumfeld stammen sie, so dass Querner diese nicht nur gut kannte, sondern über Jahrzehnte hinweg in ihrem optischen Anderswerden immer wieder vor dem Modell malte und zeichnete. Die plebejische Haltung, in der sich nicht zuletzt die urwüchsige Kraft seiner Handschrift manifestiert, hat dabei einen recht persönlichen Hintergrund.

So wurde der Künstler im Dorf Börnchen am Nordrand des Osterzgebirges in ärmlichen Verhältnissen geboren. Nach Beendigung seiner Schlosserlehre studierte er bei Otto Dix. Wie viele seiner Mitstudierenden war er von dessen Schützengrabenbild (1920/23) ebenso fasziniert wie von den Elternbildern (1921 und 1924). Als Folge davon setzte sich der »Landmensch« Querner zwar mit der Mal- und Zeichentechnik des »Stadtmenschen« Dix auseinander, doch das demaskierend Überzeichnete, aggressiv Brutale seines Vorbildes ist bei ihm in anderer Form zu finden. Seine Kunst wird von der Ärmlichkeit des Dorflebens und dessen drastischer Alltäglichkeit bestimmt. Neben Bildnissen der Mutter oder Darstellungen von alten Landarbeitern wie dem Bauern Rehn und Bäuerinnen sowie Dorfkindern, die er sowohl vor wie nach 1945 zum Thema seiner Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle wählte, schuf er auch zahlreiche Aktdarstellungen. Diese entstanden vor allem nach der Rückkehr aus französischer Kriegsgefangenschaft im Jahre 1947. Während der Künstler in der Gemäldegalerie Alte Meister den weiblichen Körper an Darstellungen von Rembrandt und Rubens studiert, arbeitet er in Börnchen vor seinem Lieblingsmodell, der jungen Bauerntochter Herta Mickan, die den 28 Jahre älteren Künstler immer wieder von neuem zur Gestaltung inspirierte. Wir erfahren aus Querners Tagebuch, dass er seit 1958 jährlich im Durchschnitt 55 Aquarelle und 80 bis 115 Zeichnungen83 nach diesem Modell schuf. Ob von vorn, von der Seite oder als Rückenakt, die prallen Rundungen der Frau in ihrer groben kraftvollen Diktion muten naturhaft animalisch an. Diese Körperlandschaften fordern den Vergleich mit den Landschaftsaquarellen und Zeichnungen geradezu heraus. So trifft auf die nass in nass gemalten Blätter und Kohlezeichnungen von der Umgebung Börnchens durchaus der Begriff des Landschaftsgesichts zu, was nicht zuletzt auf die strukturellen Gemeinsamkeiten von Mensch und Natur verweist. »Kein Strich für Snobs«84 stellt der Künstler bezogen auf seine Zeichnungen fest, will er doch »Akte malen, die heidnisch sind«.85 Diesem Wunsch entspricht die antiklassische Gestaltung des schweren massigen Körpers durch dichte Strichlagen, die diesem nicht allein Lebendigkeit verleihen. Sie definieren auch den Raum und die darauf bezogene Körperarchitektur. Immer wieder begeisterte sich der Künstler an seinem Modell und reflektierte das Gesehenen mit den Worten: »Verdammt noch mal, wenn sich die H. bückt, der breite Rücken neigt sich zu mir, ich sehe die prachtvolle Form, die sich in ihrem breiten Arsch mächtig rundet, was denk ich da an Kunst – ich denke da gar nichts, sondern so was muss man einfach malen, formen, zwingend malen… Was denk ich da, was dieser und jener daraus macht – ich will das haben, wie es da ist. Dachten die Großen anders? Ich glaube nicht.«86

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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