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LUCIE PRUSSOG (1900 - 1990)

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Verzweiflung · 1961
Grafit · 29,6 x 41,8 cm · Verso · erworben 1990

Lucie Prussog gehört zu den wenigen Bildhauerinnen und Zeichnerinnen ihrer Generation. Im Jahre 1900 geboren, war die Breslauer Kaufmannstochter zunächst als Lehrerin tätig, bis bei ihr das Interesse am plastischen Gestalten durch den Bildhauer Rückert geweckt wurde. Ein Volontariat der 24-Jährigen an der Bunzlauer Keramikfabrik war ein folgerichtiger Schritt auf ihrem Entwicklungsweg, an das sich ein Studium der Bildhauerei an der Dresdner Kunstakademie anschloss. Doch ihr Lehrer wurde nicht der Wunschkandidat Carl Albiker, weil sich dieser »gegen Studentinnen sperrte«,72 sondern vielmehr der ungeliebte Georg Wrba, was zu Spannungen führte und 1929 mit ihrem Hinauswurf aus der Akademie enden sollte. Soziale Not hatte die junge Frau bereits während, vor allem aber nach ihrem Studium erfahren müssen, was dazu führte, dass sie durch Hunger mehrmals längere Krankenhausaufenthalte hinnehmen musste. Das persönliche Erleben der Schattenseiten einer Gesellschaft sowie ihr wacher und mitfühlender Verstand führten bei ihr sowohl zum politischen als auch zum künstlerischen Engagement. So wurde sie 1929 Mitglied der ASSO73 und 1932 Mitbegründerin der Dresdner Sezession. Aber auch in ihrer Kunstauffassung wird der Dualismus zwischen der Sehnsucht nach einer von Spannungen erlösten klassischen Harmonie und der spannungsvollen Anteilnahme an der von Disharmonien bestimmten Realität erkennbar. So werden die kleinformatigen Gipsskulpturen ähnlich wie die Grafiken und Zeichnungen, die vor 1945 entstanden, durch eine klare Formgebung und einfache Volumina bestimmt. Ob es die einzelne Figur ist, die stehend oder sitzend, beim Waschen, Wischen oder Wasser tragend dargestellt wird oder ob es einander umfangende Liebende sowie durch Trauer verbundene Paare sind, immer bestimmt blockhafte Geschlossenheit die Formensprache ihrer Skulpturen und Zeichnungen. Diagonale Kompositionsachsen sorgen ihrerseits für ein Bewegungsmoment in unterschiedlichster Gewichtung. Als die Künstlerin 1932 erstmals in Dresden Plastiken von Ernst Barlach und einige Jahre später von Käthe Kollwitz sah, fühlte sie sich durch deren Formensprache und den Gehalt der Werke in ihrem künstlerischen Wollen bestätigt.74

1945 stand Lucie Prussog nach der Ausbombung ihres Ateliers vor dem Nichts. Vor allem aus materiellen Gründen entstanden jetzt fast ausschließlich Arbeiten auf Papier. Statt der zarten schwingenden, malerisch modellierenden Strukturen, wie sie vor 1945 ihre Kaltnadelradierungen und Zeichnungen beherrschten, abstrahiert sie nun stärker und verbindet damit eine flächige Zeichenweise. Auch jetzt wird von ihr die Momentanität der Bewegung bei den Darzustellenden eingefangen. Doch erinnert diese in ihrer expressiven Konsequenz eher an die Körpersprache des Ausdruckstanzes, der in Dresden75 berühmt wurde. Dass sie diesen auf der Bühne und zum Teil auch durch Veranstaltungen der Asso erleben konnte, bestätigt die Vermutung, dass er Einfluss auf die Formensprache ihrer Kunst hatte. Einen fast schneidend strengen Gestus weisen so ihre grafischen Blätter der schreitenden, aufsteigenden und gleichsam schwebenden Figuren auf. Neben den von Lebensbejahung geprägten Blättern, die nach 1945 dominieren, stellt die Zeichnung »Verzweiflung« (1961) eine Besonderheit im Schaffen von Lucie Prussog dar. Obwohl die proportionale Zuordnung der einzelnen extrem überlängten Gliedmaßen vom realen Abbild bewusst abwich, wird gerade durch die expressive Übersteigerung der Form für das Gefühl der Verzweiflung ein adäquates Bild gefunden. Hinzu tritt die flächige Vereinfachung der Form, welche den Ausdruck steigert und Erschütterung verbunden mit Erschöpfung in eine einzige Geste einfließen lässt. Der gestürzt zusammenbrechende Körper bildet zugleich die tektonische Grundform eines ungleichschenkligen Dreiecks, wobei die bildbestimmende Diagonale ein Gefühl der Beunruhigung beim Betrachter hervorzurufen versteht. Den weichen Grafitstift nutzt die Künstlerin für Schwarz-Weiß-Schraffuren, die die architektonische Körperhaftigkeit der Figur in fast unstrukturierter Form zum Gleichnis werden lassen.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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