zurück

UWE PFEIFER (1947)

zur Biografie

Straße II · 1979
Farboffsetzinkografie 9/20 · 50,1 x 59,9 cm · 33,9 x 47,3cm,
bez. r.u. U. Pfeifer 79, II 9/20,  Straße II · erworben 1980

»Ich bin Hallenser und die Pfeifers haben sich nie allzu weit von dieser Stadt entfernt. Das kann man Phlegma, Heimatliebe oder einfach ein Bedürfnis nach Ruhe nennen. Fast alles, was auf meinen Bildern zu finden ist, alles, was ich an Material brauche, habe ich hier gefunden. Dabei hatte ich nie das Bedürfnis, als Mahner in Erscheinung zu treten, schon gar nicht mit meinen Halle-Neustadt-Bildern.«193 »Es war eher Zufall«, bekennt der Künstler, »dass es dort nur eine freie Wohnung für meine Familie gab. Und da ich vor allem immer am Nächstliegenden interessiert war, entstanden dann die Bilder meiner nächsten Umgebung«.194 So schuf Uwe Pfeifer seit den 70er Jahren neben Landschaftsdarstellungen eine Vielzahl von Gemälden und Grafiken, die die unterschiedlichsten Sichten vom Neubaugebiet und seinen Einwohnern vermitteln. Der gerasterten Eintönigkeit von Architektur, wie sie wohl überall in Deutschland zu finden ist, wird durch die Darstellung von verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, durch Lichteffekte und Schattenspiele, aber auch durch Unter- und Draufsicht nicht selten ein poetischer Moment abgewonnen. Nicht zuletzt erhält die geometrische Kleinteiligkeit der Architektur, der meist ein großflächig weiter und an Farbübergängen reicher Himmel gegenübersteht, durch die wechselnden Lichtverhältnisse während des Tagesablaufs ein ständig sich wechselndes Gesicht. Auch nutzt der Künstler die Bildsprache der Romantik, was er erklärend in den Worten zusammenfasst: »Die Personen auf meinen Bildern sind immer auch Wartende …es gibt immer wieder den Menschen, der vor dem Gewaltigen zugleich Schönen und unfassbar Bedrohlichen steht.195 Mit dieser Sicht steht er der Kunstauffassung seines Lehrers Wolfgang Mattheuer durchaus nahe. Doch sind es weder dieser noch Werner Tübke, die Pfeifer letztlich bestätigen sollten, obwohl beide ihm an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig das technische Rüstzeug für die spätere Arbeit zu vermitteln wussten. Vor allem regte den Künstler das Werk von Franz Radziwill an, das er in den Museen von Halle, Leipzig und Berlin bewundern konnte. »Das Magische, das sich an ganz realen Orten abspielt, hat mich fasziniert«196, stellte er in diesem Zusammenhang fest. Noch stärker jedoch war der Einfluss der Malerei und Grafik von Karl Völker, der sich 50 Jahre zuvor in Halle mit vergleichbaren Fragestellungen beschäftigte. So sind es für Pfeifer die Dingpräzision der Formensprache, vor allem aber die Themen, die nicht allein für ihn Aktualität behalten. So bekennt er: »Treppen, Tunnel, Industriearchitektur, das sind dieselben Bühnen wie bei Völker und der Mensch in der Industrielandschaft, der seine Individualität in einer genormten Umwelt bewahren will. Diese Orte sind ähnlich und auch die Suche nach dem erfüllbaren Traum.«197 Diese Suche wird auf dem Blatt »Straße II« erkennbar. Hier hasten die Menschen in der Anonymität der Stadt aneinander vorbei. Sie sind der Neubauarchitektur durchaus vergleichbar, ihrer Individualität beraubt und erscheinen in standardisiert modischer Verpackung zum einen gesichtslos, zum anderen ortlos, d.h. überall und nirgends hinzugehörig. Obwohl sie auf dem vorgestellten Blatt in der Gruppe auftreten, bleiben sie voneinander isoliert und unterscheiden sich in nichts von den Schaufensterpuppen. Doch es sind nicht allein die vergleichbaren Gesten von Puppen und Menschen, deren Weg sich durch die Diagonalkomposition zu kreuzen scheint. Die hastende Unruhe der Personen wird durch die Diagonalkomposition verstärkt und verleiht der Darstellung eine surreal beunruhigende Note. »So wie ich gemalt habe, waren die Bilder ja das, was eigentlich gefordert wurde. Realismus im Sozialismus. Allerdings war das Ergebnis nicht gerade erfreulich für die Funktionäre… Dass ich nicht allzu viel Angriffsflächen geboten habe, war mehr Zufall. Die Bilder kamen zur rechten Zeit. Fünf oder zehn Jahre vorher hätte ich diese Art Malerei nicht ausstellen können«198, stellt der Künstler zu Recht in der Rückschau fest.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie