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CARSTEN NICOLAI (1965)

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Der Schlaf · 1991
Holzschnitt · 192 x 126 cm · 99 x 137 cm
bez.  u.M. Carsten Nicolai 1991 · erworben 1992

Der Schlaf der Träume . die Müdigkeit der Hölle . das Spiel der Seele . lese ich im Alphabet meines Herzens . und vergrabe es im Vergessen meines (Munter)seins in einem Schlaf.226

Der Zusammenhang zwischen seinem technisch traditionellen Frühwerk und dem späteren hochkomplex werdenden Tonprojekten ist schwer nachvollziehbar. Ein konzeptioneller Bruch ist es vielleicht dennoch nicht, vielmehr eine anders geartete Strategie zur Besetzung von Flächen sowie Räumen mit individuellen Zeichensystemen. Denn gleichzeitig zur Malerei und Zeichnung kommt es schon um 1987 zu Tonaufnahmen und zur Gründung von diversen Projektgruppen. Hier Bildzeichen – dort Töne; Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit nehmen Bezug auf Alltagserfahrung, die Fantasie und Vorstellungskraft des Gegenübers.227 Der Grenzgänger zwischen Kunst, Musik, Technik, Natur studierte Landschaftsarchitektur und erhielt 1990 sein Diplom. Schon fünf Jahre früher betrat er als künstlerischer Autodidakt die zunächst kleine Kunstwelt in der DDR. Nach ihrem Ende wurde er zu einem anerkannten Künstler im nun neuen Deutschland. Noch in Karl-Marx-Stadt (dem jetzigen Chemnitz) kam es zu stilistischen und geistigen Wahlverwandtschaften vor allem bei den Künstlern der Produzentengalerie CLara Mosch. Insbesondere die existenziellen Figurenzeichen von Michael Morgner (1942) mögen ihn beeinflusst haben sowie die introspektiven Wanderungen des Einzelgängers Gerhard Altenbourg (1926–1989) in den Höhen und Tiefen des Ichs.

Carsten Nicolai findet in dieser Zeit zu Figuren und Symbolen, die im Nachhinein als ein Weg der Selbstfindung sowie Bewusstwerdung ersichtlich werden. Er ist ausgerichtet auf die Dimensionen der inneren Welt. Die demgemäß entstehende finale Fiktion von einer ganzheitlichen Persönlichkeit bedingt automatisch ein fragmentarisches und stets nach vorn offenes Arbeiten. Serien, Variationen und Bilderzyklen reihen sich aneinander, ergeben eben diesen als Weg beschriebenen Strang des Schaffens einer privaten Kosmologie. In ihr wird das Bild zur Membran (Projektionsfläche) zwischen dem Drinnen sowie Draußen und so auch ein Teil der Realität. Die auftauchenden Symbole und Metaphern, die ja nur für etwas nie Sichtbares stehen, somit reflektierend in Erscheinung treten (Mondlicht/Sonnenlicht), speisen sich aus dem Fundus des kollektiven und persönlichen Unbewussten, aus antiken Mythen, der christlichen Mythologie, aus Märchen sowie weiterhin aus den Archetypen der Träume. Am Nadelöhr der Wege begegnen uns vertraute Gestalten, die für Wandlung und Beginn stehen: unter anderem sind das Leidensfiguren (Ecce-Homo), in sich versunkene Schatten, Tiere, Lichtbringer, die Magna Mater, das Bruderpaar (Twins-Serie), androgyne Wesen und Gestalten im fötalen Stadium. Hinzu kommen Symbole und Attribute unterschiedlichster Initiationsriten und des alchimistischen Indivituationsprozesses. Polare Wesenheiten wie zum Beispiel Licht/Dunkelheit, offene/geschlossene Form oder Ganzes/

Fragmentarisches u.ä.m. unterstützen eine Sprache der Zweiheit, die hin zu einem Dritten, dem Ganzheitlichen zwischen Drinnen und Draußen, geleiten könnte. Das gerinnt in seinem damaligen Schaffensrasch zu Bildern voller kryptischer Poesie und enigmatischer Sehnsucht.

Da jegliche Zentralperspektive und ein damit verbundener Illusionismus fehlt, kann und muss der Betrachter einen Zusammenhang und damit einen Sinn stiften. Durch sein »Buchstabieren« und Verknüpfen ersteht die Möglichkeit einer Erschaffung von zuvor so nicht Existentem, er gerät für Augenblicke in die Rolle des Demiurgen. Das Blatt »Der Schlaf« besticht auf Grund einer ausgewogenen, ja fast symmetrischen Komposition. Über der dickbäuchigen Form spannt sich eine zaghaft bogenförmige, mit lyrischen Wortgruppen. Links und rechts scheinen Gesichter auf. Sind es die sich ähnelnden Brüder Tod und Schlaf? Der Volksmund spricht ja vom Schlaf als kleinen Bruder des Todes. Und in der altgriechischen Mythologie ist Hypnos, der Gott des Schlafs, sogar der Zwillingsbruder des Todesgottes Thanatos. Beide sind sie Kinder der Nacht, der Nyx, und Morpheus, der Gott der Träume, ist der Sohn des Hypnos. Spannt sich hier nicht über dem ungleich-gleichen Bruderpaar der dürre Bogen der Nacht und zwischen ihnen tauchen Erinnerungen an Wesen auf, die so nur im Traum erscheinen können?

Armin Hauer

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