zurück

GUSTAV ALFRED MÜLLER (1895 - 1978)

zur Biografie

Kind mit Ball · 20er Jahre,
Zeichenkohle · 77 x 51 cm
bez. r.u. Alfred Müller · erworben 1979

Wieder war es der Leipziger Galerie am Sachsenplatz gelungen, einen vergessenen Künstler der Öffentlichkeit vorzustellen. Drei Jahre zuvor galt das Interesse dem Werk von Paul Fuhrmann, nun standen 1979 die Grafiken und die Malerei des ein Jahr zuvor in Löbau Verstorbenen im Mittelpunkt. In dem Provinzort lebte Gustav Alfred Müller seit 1932. Nach dem Krieg war er unter anderem als Kunstlehrer tätig und ab 1962 konnte er wieder freischaffend sein. Seine künstlerisch reifste Phase lag da bereits über dreißig Jahre zurück. Damals, in seiner Dresdner Studienzeit, nach dem Einsatz im 1. Weltkrieg, fand er zu einer Haltung, die das Soziale, das Zeitkritische und das Individuelle mit einbezog. Als Student an der Dresdner Kunstgewerbeschule von 1919 bis 1923 und anschließend an der Akademie der Bildenden Künste gab es unzählige Möglichkeiten, sich mit den neuesten Strömungen vertraut zu machen. Ein figurativer Nachexpressionismus, ein nobel verglimmender Spätimpressionismus, veristisch- neusachliche Tendenzen sowie biederer Naturalismus und Jugendstilausläufer kennzeichneten das Ausstellungswesen in Sachsens Metropole. Dagegen waren die verschiedenen Abstraktionsstufen sowie die eigenen Interpretationen zum internationalen Konstruktivismus zumeist Leistungen von Einzelgängern 52; sie standen wenig im Blickfeld der Öffentlichkeit.

Der ungestüme Figurenmaler Oskar Kokoschka (1886–1980) lehrte von 1919–1924 an der Akademie und der damals schon berühmte Otto Dix (1891–1967) nahm seine Lehrtätigkeit 1927 auf und musste sie aufgrund der Entlassung seitens der Nationalsozialisten 1933 beenden. Müllers Lehrer waren nicht so modern und provozierend. Zu ihnen zählten unter anderem der alternde Symbolist Ludwig von Hofmann (1861–1945), die soliden, doch etwas biederen Realisten Max Feldbauer (1869–1948) und Ferdinand Dorsch (1875–1938) sowie der sich am Jugendstil orientierende Otto Gussmann (1869–1926). Gewiss hat er bei ihnen Souveränität im Umgang mit den grafischen Mitteln erlernt, doch seine Themen suchte er sich an den sozialen und urbanen Rändern des strahlenden Glanzes der Zwanzigerjahre: auf tristen Kinderspielplätzen, an Straßenbahnhaltestellen, in Fabrikhöfen, engen Mansarden und Absteigen. Die dort Lebenden und Hausenden interessierten ihn. Ikonografisch reiht er sich in eine vom Realismus und vom Naturalismus des 19. Jahrhunderts kommende Darstellung der sozial Deklassierten ein. Doch das Wesentlichste daran ist, wie der Künstler ihre Situation interpretiert: Gibt er den Menschen ein verallgemeinerndes, mitfühlend-anklagendes Pathos, ähnlich wie im Werk von Käthe Kollwitz (1867–1945)? Überzeichnet er die Protagonisten bis hin zu einem vereinsamenden, ätzenden Verismus im Stile von Otto Dix? Betreibt er die narrativen Milieuschilderungen der Arbeiter und Stadtnomaden wie der Berliner Hans Baluschek (1870–1935) oder steigern sich die Gesten zum express-revolutionären Aufschrei, wandelt sich das Individuelle zur sozialen Typisierung, die in den linken Künstlervereinigungen ungeschriebenes Programm war?53 Seine Bilder geben darauf mehrdeutige Antworten.54 Doch ihm geht es vorrangig um die Psyche seiner Modelle, um ihr Versunkensein und ihr Zurückgezogensein. Sie werden nicht in eine Sozialtypensammlung eingeordnet, bei der sich die Attribute sowie Körpersprache verselbstständigen, hinter denen dann die Person verschwindet. Der Fotograf August Sander (1876 bis 1964) verfolgte diesen Weg.55 In den Fotografien ist der Bruch zwischen dem äußeren Habitus und inneren Befindlichkeit sehr nachhaltig ersichtlich. Und genau diese Diskrepanz zwischen Individuation und Sozialisation treibt den Zeichner Gustav Alfred Müller immer wieder zu beeindruckenden Porträtleistungen an.

Als einen exzellenten, einfühlsamen Beobachter weisen ihn die vom Museum 1979 angekauften sechzehn Zeichnungen und fünfzehn Druckgrafiken aus (des Weiteren kamen sechs Aquarelle und drei Ölbilder in den Sammlungsbestand.) Die große Kohlezeichnung »Kind mit Ball« ist ohne Jahresangabe, doch im stilistischen Vergleich mit datierten Arbeiten kann sie dem Zeitraum um 1927 zugeordnet werden. Mitten im Blickzentrum, auf einem angedeuteten Bett mit weißem Tuch, sitzt etwas verkrampft ein cirka neun- oder zehnjähriges, hageres, früh gealtertes Mädchen mit hochgesteckten Haaren. Wie so oft in seinen Zeichnungen öffnet er so den Bildraum und belässt die Dargestellte nicht in der bloßen Situation des zu taxierenden Gegenübers. Dabei vermeidet er karikierende Überzeichnungen; ihr Gesicht wird nicht wie so oft in den Dixschen Porträts zur fratzenhaften Maske. Es lässt sich in seiner wachsamen Vielschichtigkeit unterschiedlich deuten, doch die Voraussetzung dafür ist ein aufmerksamer Betrachter.

Armin Hauer

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie