zurück

MICHAEL MORGNER (1942)

zur Biografie

Aus Mappe Strand: Schreitender, 3 Knaben und Paar · 1983
Aquatintaradierung, 12/25 · 53 x 70,4 cm · 63,1 x 48 cm
bez. r.u. Morgner 83 · erworben 1984

Ende der Siebzigerjahre findet Michael Morgner zu seinem, ihn heute kennzeichnenden Dualismus von figürlichem Piktogramm und informell-düsteren Hintergründen. Zunächst entstanden unzählige Aquarelle, Zeichnungen sowie Malereien, in denen er die menschliche Figur in eine Silhouette transformiert. Der bildnerischen Logik folgend, verzichtet er auf die genauere örtliche Fixierung der Umgebung. Mit dem allmählichen Verschwinden des Tiefenraums, der konkret Reales aufwies, verflüchtigte sich auch das Impressive und macht einer existenziellen Grundstimmung Platz. Es kommt zum mehr oder weniger dramatisch strukturierten Fond, der die Figur um- oder hinterfängt. Nun bildeten sich codierte Bildzeichen heraus, die unterschiedlich differenziert zu einer souveränen Sprache führen. »Es war das schwierigste künstlerische Problem meiner Entwicklung, die Figur, die Natur und die Abstraktion zusammenzubringen. Daraus hat sich dann auch die Reduktion der Farbe ergeben als Möglichkeit der Konzentration. Das heißt aber nicht, dass die Figuren als Symbole entwickelt wären, sondern die entstehen durch Zufälle, meist durch das Stilisieren von Natur-Zeichnungen.«173

In traditionellen Techniken sowie in ihren experimentellen Kombinationen (Prägedruck, Aquatintaradierung, Lavagetechnik) offenbaren sich allgemeinste seelische Zustände in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – diese finden Form über den dem Individuum verbleibenden Leib. Das ist so konkret wie verallgemeinernd formuliert, da diese Grunderfahrung des Ausgeliefert- und des Ausgesetztseins in beiden Gesellschaftssystemen gemacht wurde. Diese Verhaltensweisen gerinnen bei Morgner zu einem Alphabet der visualisierten Körpersprache, deren Syntax allgemeinverständlich ist. Der Mensch wird zur Monade in einem Fluss von Beziehungen und Abhängigkeiten, denen er nicht entfliehen und sie tragischerweise auch nicht großartig beeinflussen kann. Hier findet auch keine Kommunikation oder semantische Interaktion mehr statt, wie etwa noch ab und an in den Standart-Welt-Bildern von A. R. Penck (1939). In diesem Ausgeliefertsein bleiben ihm die unzähligen Möglichkeiten des einsamen Reagierens: Anpassen, Aufbegehren, Entkommen, Leiden, Erdulden – Tod. Zwischen Ohnmacht und Hoffnung wirken sie wie Auferstandene am Tage des Jüngsten Gerichts. Je nach Temperament nehmen sie ihr Schicksal an – harren auf das Gottesurteil: Paradies oder Hölle. In welchem Zwischenreich befinden sich seine Kontrahenten?

Morgner wagt sich bis in Grenzbereiche des Numinosen vor, dort, wo wirklich nur noch eine höher waltende Macht Schicksalsentscheidungen zu fällen in der Lage sein könnte. Doch Gott ist lange tot. Es bleiben von ihm Texte, Bilder, Geschichten - archetypische Symbole und Metaphern. Brüchiges Schwarz-Braun wird konfrontiert mit strahlendem Blattweiss; Lichtes ringt um Strahlkraft gegen sich ergießende Dunkelheit. Titel konkretisieren das »Auf-sich-Zurückgeworfen-Sein«: »Angst«, »Mann in der Brandung«, »Krieg und Frieden« (1983, Mischtechnik, in der Sammlung des MJK174). Nur, wer sitzt hier über wen zu Gericht? Wer hat etwas zu verantworten? Wie kam es zu diesen Situationen des Bewährens und des Reagierens? Die Antworten interessieren vor dem Fegefeuer des »Nichts« nicht weiter. Das Wesentliche sind die verbleibenden Reaktionsmöglichkeiten des Einzelnen darauf. Und diese gleichen sich, egal welche Machtverhältnisse wirken. »Ich habe immer seelische Verletzungen der Menschen als das eigentlich Schändliche empfunden und darzustellen versucht. Wie man mit Menschen umgeht. Deshalb – und der Tod meiner Frau spielt natürlich auch eine große Rolle – hat sich die Figur ›Angst‹ so breit gemacht. Ich selbst empfinde wenig Angst – aber das scheint tiefer zu stecken.«175 Folglich finden sich dieses Drama subsumierende Zeichen wie Kreuz/ Dreieck wieder, welche als archetypisches Zeichen in allen Kulturen auftauchen, doch in unserer abendländischen Kunst Konnotationen mit der christlichen Ikonografie heraufbeschwören. Vielleicht steht in diesem Zusammenhang eine Performance, die er mit den anderen Mitgliedern der von ihm mitbegründeten Künstlergruppe CLARA MOSCH (1977–1982)176 durchführte. Gleich Jesus wollte er 1981 auf dem Wasser wandeln, nur hier war es ein Tümpel bei Gallenthin – der Wasserläufer wurde zum gründelnden Schwimmer auf schlammigem Grund.

Armin Hauer

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie