zurück

OTTO MÖHWALD (1933)

zur Biografie

Liegender Akt mit angezogenen Beinen · 1985
Lithografie, 3/14 · 47,7 x 59,3 cm · 45,2 x 48,7 cm
bez. Verso · erworben 1989

Im Sammlungsbereich Malerei des Museums befindet sich von ihm ein Ölbild »Liegender weiblicher Akt mit aufgestützten Beinen« aus dem Zeitraum 1973/84. Es zeigt das gleiche Motiv wie auf dieser Lithografie. Da die Grafik aus dem Jahr 1985 datiert ist, entstand sie gewiss nach dem Ölbild oder nach einer Skizze bzw. Studie zu diesem. In einem Interview anlässlich seiner Ausstellung 1987 in der Berliner Galerie »Unter den Linden« möchte Hans Lehmann etwas mehr über eben diese, für ihn nicht ungewöhnliche »Motivdopplung« in der Druckgrafik erfahren: »L: Fertigen Sie Skizzen zu den M: Ja, aber nur sehr kleine. Und die sind manchmal nur schwarz-weiß, manchmal aber auch farbig angelegt. Es ist so, dass ich mitunter von einer festen Zeichnung ausgehe und sie dann vereinfache, ein wenig verfremde, oder aber dass ich – sagen wir – aus dem Kopf eine Komposition entwerfe und dafür dann noch zeichne. L: Und daneben entsteht auch noch Druckgrafik… M: …die den Bildern sehr nahe ist. Weil ich sehr flächenhaft arbeite – so ähnlich wie bei der Radierung die Aquatinta ist, so benutze ich ein bisschen die Lithografie. L: Bevorzugen Sie die Lithografie? M: Im Moment ja, aber vielleicht radiere ich auch einmal, allerdings bin ich jetzt noch bei der Lithografie. Das ist für mich ein ganz guter Ausgleich zur Malerei. Gerade wenn ich in der Malerei nicht recht weiterkomme, es gibt ja solche Phasen, dann stürze ich mich auf die Lithografie, denn dort gibt es ja schnelle Ergebnisse. Es macht mir einfach Spaß, mit einer anderen Möglichkeit, mit der reinen Schwarz-Weiß-Möglichkeit, das gleiche Thema anzugehen. Und die Vervielfältigung kommt da in zweiter Linie in Betracht. Ich verwende ja auch nie den Umdruck. Das würde mir nichts geben, denn das meiste spielt sich für mich auf dem Stein selbst ab. Das ist ja gerade das, was mir an der Lithografie gefällt: dass man mit diesem schönen Stein – und Steine haben ja eine wunderbare Ausstrahlung – arbeiten kann.«134

Otto Möhwalds künstlerischer Werdegang verlief stilistisch in sich nachvollziehbar, ohne starke Brüche oder einem Modetrend nachtrabend. Nach dem Studium am Künstlerischen Institut für Wandgestaltung in Halle von 1950 bis 1954 durchläuft er eine versachlichende expressive Phase. Darauf folgend die Auseinandersetzung mit einem atmosphärischen, immer lichter werdenden formbetonenden Impressionismus. Aus dieser Zeit gibt es zwei kleinere Bilder im Museum mit dem Blick auf die Stadt Halle und die Saale. Ende der Sechzigerjahre werden die Flächen beruhigter und dichter, die Straßen, Innenräume und Akte erfahren eine Farb- und Lichttektonik, die alles Anekdotische herausnimmt. In den Halleschen Straßenzügen, die ohne Menschen auskommen müssen, jedoch oftmals mit ihrem konkreten Namen bezeichnet werden, herrscht eine fast zu sehende Stille. Sie besitzt eine feine, neblige Stofflichkeit, deren hoher Tonwert sich aus dem visuellen Zusammenklang der Farben ergibt. Diese lautlosen Monologe innerhalb eines Kanons hochdifferenzierter Formen fordern ein ebensolches, einfühlsames Sehen heraus. Der reine Informationsgehalt dieser Bilder wurde und wird immer geringer. Da steht er in den Sechzigerjahren konträr zum krachend lauten sozialistischen Realismus von Willi Sitte (1921) oder zur dramatisch-grellen Vergangenheitszähmung des Leipzigers Bernhard Heisig (1925). Otto Möhwald fühlte sich in seinen suchenden Jahren eher vom Wollen der Berliner Maler im Umfeld von Harald Metzkes (1929) angeregt und bestätigt. Die so genannte »Berliner Schule« (verkürzt benannt mit dem Diktat von »Auge und Hand«, Harald Metzkes) hatte also Auswärtserfolge und bestärkte einen Maler in seinem einzigartigen Wirken, sich dem Sichtbaren weiterhin zuzuwenden, ohne sich von ihm vereinnahmen zu lassen. Mit dem Entschwinden des Alltäglichen und des Oberflächlichen kommt das Innehalten, die Besinnung, ein Alleinsein ohne melancholische Einsamkeit auf die Bildfläche. Gerade in der Lithografie steigert die sinnliche Feinkörnigkeit der schwarzen Kreide die gegensätzlichen, aber nicht schroffen Eigenschaften vom Licht, Raum und Körper. Ähnlich wie bei einer unbeabsichtigten fototechnischen Überbelichtung könnte auch hier zuviel Helligkeit zu einem das Motiv auflösenden Moment werden. Doch der Zeichner Möhwald überzieht seine sublime Dramaturgie nicht. Er gibt der Figur ein bodenhaftendes Bei-Sich-Sein und verhindert ihr nihilistisches Entschwinden aus unserer Massengesellschaft. Denn wie eine anthropomorphe Felsformation wirkt die leibliche Tektonik des Akts: In eigenwillig selbstbewusster Körperhaltung wird ein sich Öffnen und ein gleichzeitiges sich Zurücknehmen zu einem ausharrenden Da-Sein vereint.

Armin Hauer

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie