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WOLFGANG MATTHEUER (1927 - 2004)

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Überraschende Begegnung · 1976
Holzschnitt 3/50 · 74,7 x 53 cm · 69,9 x 48,8 cm
bez. r.u. W. Mattheuer 76, 3/50 · erworben 1981

Mattheuer ist Moralist. Auch wenn ihm bewusst ist, dass bildende Kunst den Menschen nicht zu ändern vermag, glaubt er dennoch daran, dass diese durchaus in der Lage sei, Einfluss auf das Denken und damit letztlich auf das Sein des Betrachters auszuüben. In diesem Zusammenhang stellt er fest: »Kunst kann etwas bewusst machen. Wir leben in einer Zeit, in der es wichtig ist, Fragen zu stellen… in der Art, Dinge und Vorgänge fragwürdig zu machen.«105 Diese Funktion der bildenden Kunst, mit ihren spezifischen Mitteln sowohl das Alltags- als auch das Weltgeschehen hinterfragen zu können, nutzt Mattheuer. Ob es nun Allegorien sind oder Mythen, Sagen oder Bibelthemen, die Sisyphos-, Ikarus- oder Prometheuslegenden, sie alle dienen ihm als Auslöser für seine Malerei und Grafik. Dabei ist man immer wieder über die Aktualität der künstlerischen Fragestellungen verblüfft. Doch weisen nicht gerade die Arbeiten dieses Künstlers durch die Bezugnahme zum historischen Kontext darauf hin, dass sich an unseren Verhaltensweisen über Jahrhunderte hinweg letztlich wohl kaum etwas geändert hat?

Um den vielen Fragen zum Menschen und zu seinem Verhalten in der Gesellschaft auch bildkünstlerisch Ausdruck geben zu können, waren die Lehre als Lithograf, der Besuch der Kunstgewerbeschule und daran anschließend der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig wesentliche Schritte auf seinem Weg, bei dem das Hauptaugenmerk zuerst auf die Schrift- und Druckgrafik gelenkt wurde. Die Malerei dagegen eignete sich der Künstler als Autodidakt an. So ist es auch zu verstehen, dass seine Bilder von der Linie bestimmt werden und graphischen Charakter besitzen. Darüber hinaus bereitet nicht selten die Grafik, d.h. vor allem die Lithografie und der Holzschnitt, aber auch der Linolschnitt und die Serigrafie, die Gemälde vor. Oft entstehen über einen längeren Zeitraum mehrere Bilder und Grafiken zu einem Themenkreis.

So hat auch der Holzschnitt »Überraschende Begegnung« (1976) seine Vorgeschichte. Diese beginnt 1972 mit dem Gemälde »Die Flucht des Sisyphos«. Bereits hier entmythologisiert Mattheuer den Ursprungsgehalt der antiken Sage. Er lässt Sisyphos vor der Strafe nutzloser Arbeit fliehen. Bei dem Bild »Sisyphos behaut den Stein« (1974) sind aus dem Felsblock eine überdimensionierte steinerne Faust und aus dem unbeteiligt sich Wegwendenden eine inaktive Gruppe geworden. »Der übermütige Sisyphos und die Seinen« (1976) haben sich dagegen erstmals zur gemeinsamen Aktion zusammengefunden. Mit geballten Fäusten rennt die aggressive Gruppe jetzt einem großen steinernen Kopf hinterher. Doch auch hier wird ein kleines Figürchen im Hintergrund erkennbar, welches erneut den Stein das Felsmassiv hinaufwälzt. Parallel zu diesem Gemälde entstand der Holzschnitt »Überraschende Begegnung«. Auf den ersten Blick glaubt man ebenfalls, Männer mit großem Aggressionspotenzial in einer Landschaft auf ein Schattenpaar zurennen zu sehen. Doch bei genauer Betrachtung stellt man fest, dass es sich bei der Darstellung nicht um freie Natur, sondern vielmehr um einen fiktiven Raum handelt. Darauf weisen die beiden Winkel am rechten und linken Bildrand hin. Aber auch das Rennen, das mit einem Ortswechsel verbunden ist, könnte ebenso ein Stampfen oder Tanzen auf der Stelle sein. Der Topos der geballten Faust, welcher als drohende Kampfansage bei den vorhergehenden Gemälden inhaltlich zu begründen war, wird hier zur sinnlosen Geste. Denn die Gruppe, die selbst keinen Schatten zu werfen vermag, rennt auf keinen Gegner zu, sondern auf das große Schattenbild eines sich umfangenden Paares. Sind wir es als Betrachter, die den Schatten werfen und wenn ja, womit wurde die Aggression der Gruppe hervorgerufen? Doch nicht allein die ironische Spiegelung eines typischen Motivs aus der Romantik wirkt in dieser klar definierten Flächenstruktur befremdlich. Es ist vor allem der Kontrast von inhaltlicher Vieldeutigkeit mit der Klarheit der Bildsprache, welche diese Gestaltung so reizvoll erscheinen lässt. Die linearen Schnittflächen sowie das Gleichmaß der Schraffuren sorgen mit der Einfachheit der Formsegmente und dem strengen Schwarz-Weiß-Kontrast für diese spannungsvoll eindringliche und zugleich so mehrdeutig geheimnisvolle Aussage.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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