zurück

MARIOLA BRILLOWSKA (1961)

zur Biografie

Aus dem Comic »Morgenröte/Linda+Lorna« (10 Zeichnungen)
Röntgen Slip  · o.J. 
Tusche, Acryl, Folie · 29,8 x 21 cm · unbez. · erworben 2002 

Die in Sopot geborene Künstlerin lebt seit 1981 in Hamburg und studierte dort von 1982 bis 1988 an der Hochschule für bildende Künste. Seit den späten Achtzigern dehnte sie die Tätigkeitsfelder für ihren erweiterten Kunstbegriff, der absolut nichts mehr mit dem Beuyschen Kunstbegriff zu tun hat, schnell aus. Zu ihren umfangreichen Aktivitäten zählen unter anderem Installationen, Zeichnungen sowie viele Projekte mit Musikern und Künstlern im Grenzgebiet von E- und U-Kunst. Damit gehört sie zu den umtriebigsten, provokativsten postfeministischen Künstlerinnen in diesem Land, die ihre Arbeit mit Elementen aus Entertainment, Trash, Kitsch als auch Pop-Art-Relikten anreichert – und ebenso, je nach Bedarf, das Ambiente der Clubkultur, des Kabaretts und des Rotlichtmilieus für sich vereinnahmt. Ihr Anliegen ist eine kompromisslose Attacke auf das Betriebssystem Kunst, auf die Machtmechanismen dieser patriarchalischen Welt und die Entzauberung des Mythos von der Suche nach der ewigen Liebe (Sex?). Die Resultate sind dementsprechend provokativ-irritierend. Trotz ihrer ersichtlichen Pophaltigkeit bewirken sie eine bedrängende Tiefenwirkung beim Betrachter. Zuerst beginnt alles recht unterhaltsam, denn die Grenzen des guten Geschmacks als auch des Peinlichen werden haarscharf überschritten. So wird Harmlosigkeit vorgetäuscht, doch dann wirkt die Wucht des Frontalangriffs umso stärker. All das, was man sich bis dahin mühsam erlogen hat, das, was verdrängt, vergessen oder schön gedacht wurde, wird auf einmal ohne Vorwarnung enttarnt. Bei ihr gibt es keine Unschuld der Kunst mehr, keine Oberfläche ohne Risse und keinen Waffenstillstand zwischen den Geschlechtern. Sie bringt die großen Themen Glück und Liebe ins Spiel, indem sie deren Abwesenheiten thematisiert, ihre Kehrseite zeigt. Das Nichtanwesende wird dadurch umso klarer als ein Verlust der Orientierung empfunden. Dass das Paradies längst geschlossen ist, das ist allgemein bekannt, doch sie stört noch das Träumen der Träume und lässt sogar noch die schillernden Seifenblasen ihrer Surrogate platzen.
Auch in ihren Animationsfilmen dominieren »Sex and Crime«, »Boy mets Girl« sowie eine weibliche 007-Aktivistin im Kampf gegen die Weltverschwörungen. Ihre ausufernden Installationen und Objekte bauen eine Atmosphäre des sexuell Albtraumhaften, des Bedrohlichen sowie Grotesken auf. Im Museum inszenierte sie 2002 die umtriebigen Aktivitäten der schillernden polnischen Sekte »Snupiekult«, die durch Heirat deutscher Politiker mit polnischen Frauen dieses Land unterwandern wollen. Die Sekte spezialisierte sich auf das Züchten von Plastiktieren, die später zwischen den Brüsten der Frauen heranwachsen. Sie ließ den Betrachter in eine Welt stolpern, die ihm dank der Medien sehr vertraut erscheint, dennoch so weit weg ist, kalt und hart wirkt. Abstrus und erbarmungslos geht es dort zu. Ihre präzise gezeichneten und unmittelbar körperlich stark präsenten Gestalten irren auf dem Schlachtfeld des geschlechtsnormierten Überlebenskampfes hin und her – immer in bedrohlicher Nähe einer Katastrophe.
Im Comic »Morgenröte« erleben Linda und Lorna unter dem Zwischentitel die »Periodiker« sexuell gefärbte Abenteuer im Kampf mit patriarchalischen Terroristen, die seit der Einführung der Sterilität Wurfattentate mit blutigen Tampons begehen. In einem eigenwilligen Kleid aus kondomähnlichen Gebilden und mit grünem Mundschutz fordern sie die Wiederherstellung der natürlichen Fortpflanzung und haben das Matriarchat des Philosophengeschwaders gegen sich. Sie sprühen mit Spermagas auf die weiblichen Geschlechtsorgane, machen sich dadurch noch hassenswerter und fast alle Frauen zu Gegnern. In eben diesem Augenblick, als Linda und Lorna aufgeregt plauschen, wird ihre aktuellste böse Tat verkündet: sie warfen auf eine Werbetafel blutige Tampons. Nun beginnt die Jagd und der Täter wird zur Strecke gebracht. Das Geplauder kann weitergehen. Nietzsche, der Frauendurchschauer und -züchtiger, ist tragischer Weise zu einem Tattoo auf einer Frauenschulter erstarrt und im Café Schwerkraft verkündet ein Werbespot die Vorteile eines Röntgenslips:« Wenn Mannes Glied Dir Ärger macht, dann hilft Dir X-RAY Röntgentracht«. Zwischendurch erfahren wir die traurige Wahrheit, dass Liebe einsam macht. Ganz den mehrschichtigen Comic-Zeitebenen folgend, wird jetzt im Labor der Biologin Madame Curie die Aufforderung ausgesandt, zum Seminar Fe.ma.Le zu gehen. (Dahinter verbirgt sich die unbelehrbare Fraktion zur Erhaltung maskuliner Lebensformen.) Linda und Lorna lassen sich so etwas nicht bieten und entführen diese Wissenschaftlerin. Fazit: keine Forschung, keine Probleme mit der anderen Hälfte des Menschengeschlechts?

Armin Hauer

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie