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ROGER LOEWIG (1930 - 1997)

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o.T. (phantastische Szene) · 1968
Bleistift · 32,5 x 50 cm · bez. r.u. LO 1968 · erworben 1991

Im Warschauer Katalog seiner ersten Einzelausstellung 1966 findet sich unter dem Titel »Bemerkungen zu meinem Leben« folgende Schilderung: »Die ersten Kriegstage fanden mich in der niederschlesischen Provinzstadt Oels an eine Straßensperrung gelehnt, den an- und abrollenden Kriegsmaschinen nachgaffend, mitvibrierend mit dem Gerassel und Gedröhn, ringsum nationale Größenwahnhysterie, eine Woche darauf erschienen die Spalten der Gefallenenanzeigen. Die nächsten Jahre verbrachte ich in einer Kleinstadt des besetzten Polens. Von einer der letzten Wogen des in Agonie sich windenden Krieges wurde auch ich erfasst und zum Panzergrabenbau in die Wartheniederung unweit Lódz geworfen. Erschöpft, krank, behaftet mit unsagbarem, unauslöslichem Ekel vor allem Militanten kehrte ich zu dem Zeitpunkt nach Hause zurück, da das Unbehaustsein begann, das Umhergestoßenwerden, das ziellose Dahintreiben auf den Landstraßen quer durch Deutschland. Wie eine Lawine verschüttete ich, ein halbes Kind noch, empfindungsgeschärft und empfänglich, die Wahrheit über die deutschen Verbrechen, die Bilder und Dokumente aus Auschwitz, Maidanek, Theresienstadt, die Perlenschnur getöteter Säuglinge hinter den Zäunen Sachsenhausens. Dann Waldarbeiter, Landarbeiter, Inhaber oder Nichtinhaber befristeter Aufenthaltsgenehmigungen, zwischendurch unregelmäßiger Schulbesuch, Bemühungen um die Aufnahme eines Studiums, die jedoch von vornherein zum Scheitern verurteilt waren durch sehr mangelhafte und fehlende Zeugnisse, wegen Überfüllung der Universitäten, Eigenbrödler, Ignorant und Trotzkopf, eigensinnig, böse, ungerecht, musste mir jedes Unternehmen misslingen, wurde alles zum Überdruss. Zwei Möglichkeiten boten sich mir, Erlebtes und Bedrückendes zu reflektieren und loszuwerden: das Schreiben, das Malen und Zeichnen. Ich habe beide Möglichkeiten ununterbrochen versucht.«122 Die Kunst half ihm, Sinn zu finden in einer deutschen, diktatorischen Welt voller Erniedrigungen, Knebelung des Freiheitsanspruchs und Gewalt. Da spielt es keine Rolle, welches der Deutschländer des 20.Jahrhunderts so etwas hervorbrachte: das des Dritten Reiches, das der DDR oder ob das der Bundesrepublikanischen Demokratie. Nach Drangsalierungen und Verfolgungen in der DDR durch die Staatssicherheit, nach Untersuchungshaft und Entlassung aus dem zehnjährigen Schuldienst konnte er 1972 ausreisen und lebte bis zu seinem Tode 1997 im westlichen Teil Berlins. Ihm begegnete und widerfuhr persönlich viel Unrecht, viel Unverständnis und viel Ablehnung. Doch auch das Leid anderer empfand er zutiefst. Er hatte die Gabe des Mitleidens, des Mitfühlens und des »Sagenmüssens«, wenn es ungerecht zugeht. Das ist eine Eigenschaft, die ihm das Leben nicht leichter machte. Sie verlangt das Tragen einer Verantwortung für Ereignisse, die er nicht zu verantworten hat und deren sich die Gesellschaft durch Stillschweigen entledigen will. Scham, Wut, Empörung, Trauer und letztlich das Handeln aus eigenem Drängen heraus ließen ihn nicht selten zum ungeliebten Rufer in der Wüste werden – oder in den Augen der anderen zum »Nestbeschmutzer«.

Als Autodidakt fand er zu einer authentischen, ungeschönten Bildsprache, die ergreifend ist und sofort verstörend wirkt.123 Sein zeichnerisches Sensorium changiert zwischen bedrückend-surrealer Lineatur, dann wieder verwischten oder ebenso spinnwebenhaft kränkelnden Strichen. Die dunkle Bilderzählung ist halluzinatorisch-klar, imaginierend suchend und heraufbeschwörend. Die grafischen Zwischentöne evozieren Düsternis, Bedrohung, Morbidität und eine Atmosphäre des apokalyptisch Endzeitlichen, die ohne die Hoffnung auf eine Auferstehung im Himmelreich auskommen muss. In seinen Folgen und Zyklen124 herrschen die Hölle und die Vorhölle auf Erden. Der Rauch der Krematorien, der Angstschweiß der Erschossenen, der Hunger der Notleidenden verdichten sich zu einer Atmosphäre des Grausamen und des Unaussprechlichen auf seinem kleinformatigen Blattweiß. Aus dem Sumpf des Vergessens treiben die Wesen nun heimatlos umher. Die verwesten Untoten, die morbiden Landschaften mit ihren Gesichten, dazu die alptraumhaft sich verlebendigenden Bäume und Pflanzen: alles wird zu einem einzigen Seelenraum der Pein. Der Zeichner wird zum apokalyptischen Seher jüngster deutscher Geschichte: kein Verdrängen, kein Vergessen, kein Vergeben, keine Chance auf Gerechtigkeit. Er findet aber auch später zu Landschaftsbildern, die den Romantikern eine nachdenkenswerte Referenz erweisen. Seine Oderlandschaften und »Porträts der Dorfkirchen« in der Mark Brandenburg sind von einer schwermütigen Einsamkeit durchwoben – ihre Aura ist die einer endgültigen, seelischen Verlassenheit.

Armin Hauer

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