zurück

WALTER LIBUDA (1950)

zur Biografie

Zum Thema Bett · 1984
Gouache · 50 x 65,5 cm · unbez. · erworben 1985

1988 wurde eine Ausstellungsreihe »Werkstatt Junge Kunst Nr.1« mit Arbeiten Walter Libudas in unserem Museum eröffnet. Ihr Anliegen war, Künstler vorzustellen, die unabhängig von staatlichen Vorgaben so arbeiteten, dass sich ihr Werk durchaus in das aktuelle westeuropäische Kunstgeschehen einordnen ließ. Die Reaktion auf die Ausstellung »Betten«, die Materialobjekte, Bilder und Arbeiten auf Papier von Libuda zeigte, war sehr vielschichtig. Neben Lob dominierte Entrüstung. Die Frage, ob Letztere der Tatsache geschuldet war, dass auf den Darstellungen weder ein klassisch harmonisches Menschenbild herrschte noch Situationsschilderungen zu finden waren und auch auf das Zitieren von aktuellen Ereignissen oder das Verkünden von Grundwahrheiten verzichtet wurde, bleibt offen. Aber auch der Umgang mit dem Thema trug zur Verunsicherung bei den Betrachtern bei. So scheinen in die Bildwelt des Heisig-Schülers, wenn auch unbewusst, eine Vielfalt von Verwendungsmöglichkeiten des Bettes und das mit ihnen in Zusammenhang stehende Beziehungsgefüge der Befindlichkeit des Menschen eingeflossen zu sein. Doch damals wie heute wollte der Künstler begreifbar machen, dass »Bekanntes allein schon durch die Darstellung mit Verständlichkeit gleichgesetzt«207 wird. In diesem Zusammenhang stellte er fest: »Ich mache meine Erfahrungen, und als Maler stelle ich vor allem das durch mich Erfahrene, gewandelt in Bildern, dar. Kunst vermag diese nicht nur zu bestätigen, sie bringt auch neue Erfahrungen an den Betrachter heran. Dabei kann viel Ungewohntes sein.«208 Ein konkretes Ereignis, selbst wenn es die Antriebskraft des Schöpferischen bildet, spielte im Verlauf der Gestaltung demzufolge bei Libuda immer nur eine untergeordnete Rolle. Es war und ist die Summe von Erfahrungen und Vorgängen, deren Reflexion in die Bildlösung einfließt, wobei Existenzfragen durchaus ihre Einbeziehung erfahren, weil sie das Lebensgefühl des Künstlers mitgeprägt haben. Was er in dieser oder jener Weise selbst durchlebt hat, ekstatische Freude, verzehrende Lust oder verletzenden Schmerz, aber auch ein Bedrängtwerden und ein Bedrücktsein sucht er so mit den Mitteln von Form und Farbe auf der Leinwand oder dem Papier anschaulich zu machen. Mit expressiver Leidenschaft setzt Libuda seine Figurengruppen, meist agierend, teilweise ineinander verschachtelt, in das Zentrum seiner Bildflächen. Dabei geht es ihm bei seinen stets wiederkehrenden Figurationen weder um Porträtähnlichkeit noch um das Freilegen psychologischer Wahrheiten. Auch wird auf jede Schönlinigkeit der Form verzichtet. Alles bleibt in seinen Darstellungen ungebärdig hingeworfen. Burlesk und zum Teil apokalyptisch ist die Formensprache, pastos vehement der Pinselduktus. Oft befinden sich wie auf dem vorgestellten Blatt seine figuralen Gebilde auf instabilen Fundamenten, auf kasten- oder bettartigen Gestellen, auf defekt gewordenen Bahren oder vierrädrigen Wagen. Bei allen diesen Darstellungen, die in einem vitalen Kraftakt entstanden sind, bildet die Farbe den Ausdrucksträger der Gestaltung. Doch ist sie nie dem realen Abbild entsprechend auf einen bestimmten Gegenstand bezogen, sondern stets subjektiv zur emotionalen Nachdichtung vom Künstler benutzt worden. Immer wieder entstehen Bilder und Gouachen in unterschiedlichen Formaten und veränderten Flächen- und Farbkonstellationen parallel zueinander und zum Teil in Verbindung zu Objekten. Das erklärt sich möglicherweise auch daraus, dass der Künstler das existenzielle Sein komplex sieht und weiß, dass weder Chaos noch Ordnung, weder der Einzelne noch die Masse separat existieren und immer aufeinander bezogen bleiben. Auch in den künstlerischen Genres will und kann er keine Grenzen setzen, was ihn zu dem Fazit kommen lässt: »Ich merke, dass das alles miteinander zu tun hat, es gibt keine punktuelle Entwicklung, es sind keine abgrenzbaren Gebiete. Selbst wenn ich weit zurückblicke auf die Zeit vor dem Studium oder gar in die Kindheit. Die Vermischung ist für mich die Steigerung, sie ist zugleich die potenzielle Kraftquelle, mit der ich jetzt lebe.«209

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie