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WOLFGANG LEBER (1936)

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Stadtlandschaft mit Mast · 1987
Aquarell, Farbstift · 23 x 33 cm
bez. r.u. W. Leber · erworben 1988

Der Berliner Künstler Wolfgang Leber setzt sich seit ca. 40 Jahren in seinen Gemälden, aber auch im Aquarell und in der Druckgrafik mit dem Thema Stadt auseinander. Ist der Grund hierfür der assoziative Dialog zur baulich-räumlichen Gestaltung von Architektur als Gegenentwurf zur Natur oder eher das atmosphärische Flair einer Großstadt mit ihrer sozialen und künstlerischen Dimension? Angeregt mag er von all dem sein, jedoch besteht der Reiz für ihn in erster Linie darin, ein eigenes Ordnungsgefüge zu entwickeln. So bekennt Leber: »Anhäufungen architektonischer Ratlosigkeiten, verschobener Perspektiven, Überschneidungen oder Lichtreflexe inspirieren zu Bilderfindungen, die sich als ein Gleichnis großstädtischer Existenz darstellen. In ihnen der Mensch, agierend als schemenhafte und namenlose Erscheinung auf einer labyrinthischen Bühne… Die Stadt mit ihren tausendfachen Brechungen und Metamorphosen ist der größte Fundus für einen Maler.«142

Leber schöpft aus der Realität, doch sein Verhältnis zu ihr entwickelte sich in erster Linie über die Kunst und ihre Ausdrucksmöglichkeiten. Bereits nach wenigen Jahren seines Selbstfindungsprozesses hatte er zum existenziell gefassten Thema »Raum und Figur« ein Gestaltungsspektrum geschaffen, das sowohl seiner Emotionalität als auch seinem künstlerischen Temperament adäquat ist. Diese Affinität fand er vor allem in der Kunst der großen französischen Koloristen des 19. und vor allem 20. Jahrhunderts. Ein luxuriöses Farbraffinement ebenso wie heitere Unbeschwertheit und das Verlangen nach Harmonie prägen so auch seine Arbeiten. Als den Dialog zwischen Poesie und Prosa könnte man das Schaffen dieses Künstlers bezeichnen, bei dem die Thematik dem Einsatz der Mittel gegenübergestellt wird. Dabei ist es nicht das synthetische Sehen, sondern der analytische Blick, mit dem er das für ihn Wesentliche zu gestalten sucht. Wichtig ist dabei für ihn nicht der Gegenstand als solcher, sondern es sind für ihn die Linien, Formen und Farben und ihre Beziehung zueinander, aus denen sich der Bildorganismus zusammenfügt.
Der Farbe kommt innerhalb des gestalterischen Beziehungsgeflechts eine besondere Bedeutung zu. Das zeigt sich in seiner Malerei, vor allem aber auch in seinen Aquarellen. Leuchtendes Neapelgelb steht hier nicht selten neben Azurblau, Violett neben Ziegelrot und bräunlichem Orange, nicht zu vergessen das Altrosa, welches auf zahlreichen seiner Arbeiten zu finden ist. Das bewusst gesetzte Schwarz sowie das Weiß des Grundes betonen dabei die Intensität der benachbarten Farben. Diese haben sich weitestgehend vom Gegenstandsbezug befreit. So wirken die sparsam in seinen Arbeiten zu findenden Details von Figuren und Gegenständen zum einen als Farbformen, zum anderen bilden sich aus der Farbe aber auch Räume. Diese stehen aber nicht nur miteinander in Beziehung, durch ihre unterschiedliche Konsistenz wird ein Drinnen und Draußen, ein Davor und Dahinter, ein Näher und Ferner assoziierbar. Nicht zuletzt wird so der Begriff Großstadt von Leber gestalterisch auf seinen Kern zurückgeführt, was der Künstler mit den Worten charakterisiert: »Wo es fast nie Leere und fast immer ein Gegenüber gibt.«143

Dass die differenzierte Farbdichte auch Bewegung und Zeit in das Werk transponiert, wird am Aquarell »Stadtlandschaft mit Mast« besonders deutlich nachvollziehbar. Gerade Blätter dieser Technik weisen auf die subtile Empfindungsfähigkeit von Leber hin und machen verständlich, dass das Aquarellieren zu Recht als »Anfang und Krone aller Maltechnik«144 bezeichnet wird. So setzt es im Unterschied zur Malerei nicht allein ein schnelles Voranschreiten der Arbeit voraus, der jeweilige Ausschnitt wie die Komposition und vor allem das Verhältnis der Farbtöne zueinander müssen ohne Korrektur zu einem stimmigen Gesamtkonzept zusammengefügt werden. Dass dem Künstler dieses Zusammenspiel in müheloser Weise auf das Glücklichste gelungen ist, darauf weisen die Lockerheit des Duktus sowie die darauf bezogene grandiose Farbsymphonie hin.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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