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KÄTHE KOLLWITZ (1867 -1945)

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Selbstbildnis · 1924
Lithografie · 52 x 38,5 cm · 29 x 22,5 cm
bez. r.u. Käthe Kollwitz · erworben 1970

Käthe Kollwitz ist wohl die berühmteste Künstlerin des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gerade ihre Gratwanderung zwischen den Gestaltfindungen dieser beiden Jahrhunderte ließ ein Werk entstehen, das fernab vom propagandistischen Rebellentum der Moderne angesiedelt blieb und dennoch als wesentlicher Bestandteil der modernen Kunst anzusehen ist.

Geprägt wurde die 1867 und damit 3 Jahre vor dem Deutsch-Französischen Krieg und der daraus resultierenden Reichsgründung geborene Käthe Schmidt zum einen vom christlichen Glauben bzw. durch sozialistisch-humanistische Vorstellungen innerhalb ihrer Familie. Zum anderen bestätigten sie künstlerische Vorbilder bei der Selbstfindung. Dabei interessierten Käthe Kollwitz vor allem Schriftsteller wie Emile Zola oder in besonderem Maße Gerhart Hauptmann ebenso wie das graphische Werk von Max Klinger. Diese verband bei aller Unterschiedlichkeit die sprachliche bzw. bildkünstlerische Reflexion von gesellschaftlichen Umbrüchen, wie sie die Industrialisierung mit sich brachte. Darüber hinaus fanden sie hierfür eine angemessene, d.h. der herrschenden Kunstdoktrin widersprechende Gestaltungsweise. Nicht zuletzt erlebte die Künstlerin seit 1891 im Berliner Norden als junge Ehefrau des Kassenarztes Dr. Carl Kollwitz die Folgeerscheinungen der Industrialisierung wie z.B. Prostitution, Krankheit und eine hohe Sterblichkeit durch dessen Patienten hautnah mit. So ist es auch verständlich, dass es die Momente von Schmerz und Trauer sind, die von wenigen Ausnahmen abgesehen ihr gesamtes Werk bestimmen. Doch es war weder eine bürgerliche Mitleidposition«13, noch lässt sich Käthe Kollwitz aus einem anders positionierten und ebenfalls eingeengten Blickwinkel allein als »soziale Künstlerin« abstempeln. So bekannte sie: »Das eigentliche Motiv aber, warum ich… zur Darstellung fast nur das Arbeitsleben wählte, war, weil die aus dieser Sphäre gewählten Motive mir einfach und bedingungslos das gaben, was ich als schön empfand …schön war die Großzügigkeit der Bewegungen im Volke.«14 Dabei ist es immer wieder die Frau, die schon im Schaffen Klingers eine wichtige, bei Käthe Kollwitz eine zentrale Rolle spielt. Sie ist auf Zeichnungen ebenso wie auf Radierungen, Lithografien und Holzschnitten sowohl Aufrührerin als auch Trösterin und Fürsorgende, aber sie ist auch Leittragende und Opfer. Das wird an den grafischen Zyklen wie z.B. »Ein Weberaufstand« (1897), »Bauernkrieg« (1902–1908) oder »Krieg« (1922/23) ebenso erkennbar wie an ihren Einzelblättern. Hier sind es vor allem die Selbstbildnisse, die seismographisch die augenblickliche seelische Verfassung der Künstlerin nachvollziehbar festhalten. Eine erstaunliche Fülle, d.h. über 100 Blätter, weist Otto Nagel in seinem Buch »Die Selbstbildnisse der Käthe Kollwitz«15 nach. Ob als Studentin oder wie bei unserem Blatt, das die Künstlerin im Alter von 57 Jahren zeigt, immer handelt es sich um eine stille, nachdenkliche und kritische Reflexion des eigenen Selbst. Durchaus zu Recht bezeichnete Otto Nagel jedoch die vorgestellte Lithografie als ihr »vielleicht schönstes Selbstbildnis«.«16 Hier zeichnet sie allein ihr Antlitz ohne das sonst schmückende Beiwerk der Haare mit äußerster malerischer Sensibilität. Wissend mitfühlendes Verstehen zeichnet dabei den kritisch durchdringenden Blick der Künstlerin aus. Herbe Ernsthaftigkeit und Askese, die viele ihrer Selbstbildnisse prägen sollten, sind zwar auch in unserem Blatt zu finden, werden aber durch die weiche Kreide in einen spannungsvollen Dialog hierzu gebracht. Käthe Kollwitz war zu dieser Zeit nicht nur äußerst produktiv, sondern zugleich auch sehr anerkannt. So wurde sie bereits 1919 als erstes weibliches Mitglied in die Preußische Akademie der Künste berufen und zur Professorin ernannt. Obwohl sie die Kraft für ihre Arbeit vor allem aus dem künstlerischen Schaffen selbst zog, war auch die Anerkennung, die sie genoss, ein nicht unbedeutender Faktor. So bekennt Käthe Kollwitz 1925: »Ich für mein Teil kann deutlich an mir spüren, wie sehr ich fortlaufende Achtungsbezeugungen der Umwelt brauche. Ein Versiegen meines Namens würde mich wohl sehr niederdrücken… Wie schauderhaft muss Künstlern zumute sein, die ohne Widerhall arbeiten.«17

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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