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MAX KLINGER (1857 - 1920)

zur Biografie

Märztage I · aus »Dramen«, Opus3 IX · 1883
Radierung · 56,5 x 47,5cm · 42,5 x 33 cm
unbez. · erworben 1970

Betrachtet man das Lebenswerk Max Klingers, ist sowohl dessen Vielfalt als auch sein Umfang faszinierend. Neben der Begabung und einer intensiven humanistischen Bildung des Künstlers waren es die nicht zu bändigende Arbeitslust und eine damit verbundene Selbstisolation, die die Grundlage hierfür bildeten. So entstanden großformatige Bilder, die eine Geistesverwandtschaft zur Malerei eines Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach aufweisen, und Plastiken, die er in den verschiedensten zum Teil auch farbigen Materialien schuf. Letztlich strebte Klinger das Gesamtkunstwerk an, in dem sich sowohl Malerei und Plastik mit dem Raum verbanden als auch Grafik, Literatur, Philosophie und Musik symbiotisch miteinander verschmolzen.

Aufgewachsen in einem liberalen großbürgerlichen Elternhaus, in dem Kunst, Literatur und Musik zum Alltag gehörten, bekam er nicht allein eine großzügige finanzielle Unterstützung, der Vater sah seinen Berufswunsch im Sohn realisiert. Eine besondere Bedeutung spielte bei Klinger die Grafik, insbesondere die Radierung, die sein gesamtes Schaffen begleiten sollte. Dem Beispiel der Musik folgend, versah er seine 14 Zyklen, die über einen Zeitraum von 36 Jahren entstanden, mit Opusnummern. Bereits die ersten sorgten für eine ungeheure Popularität des Künstlers. Das bestätigt nicht allein ihr »stetig steigender Verkaufswert«4, welcher darauf hinweist, dass Klinger genau den Nerv der Zeit traf. Vielmehr liebten und bewunderten ihn auch Künstler wie Käthe Kollwitz, Alfred Kubin und Edvard Munch. Nicht zuletzt mag es neben dem bravourösen Können sowie der antiklassischen spannungsvollen Gestaltung auch die Funktion gewesen sein, die Klinger der »Griffelkunst«5 zuordnete. In seiner Schrift »Malerei und Zeichnung« (1891) wies er auf die Unterschiede zwischen beiden hin. Während die Malerei »der vollendetste Ausdruck unserer Freude an der Welt«6 sei, würden in der Grafik die »dunkle Seite des Lebens«7 angesprochen werden. Hierunter ist durchaus auch Verelendung und Asozialität zu verstehen, wie sie sich in der Gründerzeit vor allem in den Großstädten als Begleiterscheinung der Industrialisierung zeigten. Klinger lernte diese weniger aus eigenem Erleben kennen, sondern vielmehr über Schriftsteller wie Gustave Flaubert und Emile Zola, die sein Schaffen anregten. Hinzu kommt der gerade um 1880 auflebende Schopenhauer-Kult. »Als meisterhafter Beherrscher der deutschen Sprache«8 hatte der Philosoph »das Mitleiden für das Fundament der Moral«9 erklärt, was nicht ohne Einfluss auf zahlreiche Künstler blieb.

Anregungen dieses Philosophen zeigen sich so z.B. auch in Klingers »Opus IX«, der 1883 in Berlin entstand. Dieser Zyklus von 10 Radierungen nimmt innerhalb seines Werkes eine Sonderstellung ein. Obwohl der Künstler sich hier auch wie bisher formal am grafischen Können von Vorbildern wie Rembrandt, Goya, Dürer und Menzel maß, ging er inhaltlich einen Sonderweg. So verzichtete er jetzt weitestgehend auf symbolische Elemente, die sonst zum inhaltlichen und formalen Ausdrucksträger seiner Kunst wurden. Über Armut, Verführung zur Prostitution und deren Folgen sowie das Drama eines sozialen Amoklaufes erfahren wir hier ebenso wie über revolutionäres Geschehen. Bei dem Blatt »Märztage I« habe der Künstler selbst »nie an die Revolution 1848«10 gedacht. Der »revolutionäre Hintergrund« der Politik der Sozialdemokratie wäre jedoch »der Mutterboden«11 für seine Phantasie gewesen. Sich in diesem Zusammenhang an die einjährige Militärzeit und deren Disziplin erinnernd, ließ ihn fragen, »wie mag so was jetzt verlaufen?«12. So zeigt unser Blatt eine genau zu benennende Berliner Straße, in der eine Menschenmasse durch eine Barriere und Häuserfassaden eingegrenzt wird. Der Helldunkelkontrast, welcher einzelne hervorhebt und andere im Ungefähren der Grauzone belässt, sorgt ebenso für die beunruhigende Bewegung im Bildgeschehen wie die Plünderungsszenen im Hintergrund. Aber auch die zahlreichen Diagonalen im Kompositionsgefüge unterstützen die untergründige Dynamik des Geschehens, die sich erst Jahrzehnte später als Wirklichkeit realisieren sollte.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner