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INGO KIRCHNER (1930 - 1983)

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Begegnung · 1972
Aquarell, Bleistift · 26,7 x 19,4 cm
bez. Kirchner/72 · erworben 1987

»Man sollte versuchen, künstlerisches Bemühen wenngleich ernsthaft, so doch auch mit Vergnügen zu betreiben, um im Vergnügen ebenfalls die Ernsthaftigkeit zu bemerken.«118

Als der Berliner Künstler 1983 verstarb, war er nur einem recht engen Kreis von Kunstkennern bekannt. Diese Situation ändert sich leider nicht allzu sehr, denn auch nach dem Zusammenbruch der DDR gab es nur kleinere Ausstellungen. Doch eine umfassendere Sichtung und entsprechende Würdigung in Form einer Exposition und eines entsprechenden umfassenden Katalogs blieben bisher aus. Deshalb schätzt sich das Museum um so glücklicher, 1987 aus dem Nachlass wichtige Druckgrafiken, Collagen und Aquarelle erwerben zu können, um so zumindest durch die Beigabe zu eigenen Ausstellungen das Interesse an seinem Werk wach zu halten bzw. es überhaupt erst einmal zu wecken. Denn sein künstlerischer Ansatz zielte auf eine in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der DDR eher ungewöhnlichen Zusammenführung von stilistischen Strategien aus der DADA-Bewegung, des Surrealismus und der Pop-Art mit Zen-Buddhistischen Lebensweisheiten. Seine zumeist kleinformatigen Aquarelle, die geistvoll-ironischen Collagen sowie die erstaunlichsten Kombinationsdrucke und die symbolhaltigen Materialbilder versuchten in bestimmten Werkphasen in die Bereiche des intuitiv Fabulierenden und in die des Introspektiven zu gelangen. Diese Bilder und Objekte waren in seinem Verständnis mehr als die Fortsetzung abendländischer Tafelmalerei: sie sollten in die Zonen des Intuitiven und Meditativen geleiten, dort, wo sich im Unbewussten eine etwaige Oase des Entleerten-Sinnvollen finden ließe.

Kirchner konfrontiert in diesem Kontext also nicht nur Stile miteinander, sondern er brachte zwei sich gegenüberstehende Lebenshaltungen (die der westlichen Moderne und die des japanischen Zen-Buddhismus) in eine fein nuancierte Balance. In den Kombinationsdrucken »Metapher III« (1970) und den unterschiedlichen Variationen zur Bildform »Analog« (1972) ist dieser Aspekt augenscheinlich. Damit nahm er wiederum indirekt ebenso Impulse aus Westeuropa auf, wo die Hippie-Bewegung im berauschenden Mix aus Sex, Drogen, östlichen Ideen und Rockmusik die Erweiterung ihrer persönlichen Freiheit suchte. In seinen wie kostbare Miniaturen farbintensiv leuchtenden Aquarellen tauchen Motive auf, die an das in den Sechzigern und Siebzigern übliche Flower-Power-Dekor der LPs und Poster erinnern. (Im Filmbereich sei stellvertretend auf die Abenteuer der Beatles in »Yellow Submarine« aus dem Jahr 1968 verwiesen – gezeichnet von dem Düsseldorfer Heinz Edelmann [1934].) Auch bei Kirchner dominiert die Linie, die nicht selten auch lakonisch-heiter verrätselte Formenwelt. Die poppige Ausstrahlung des Kolorits öffnet sich psychedelischen Momenten mit ihrem Ausblick ins Irrationale. Diese Wirkung steht nun im genussvollen Kontrast zur recht bestimmten und akkuraten Linienführung. Das abgebildete Aquarell von 1972 mit dem Titel »Begegnung« weist in diese Richtung und spielt mit Fragmenten des Körperlichen und zudem mit denen der rhythmisierenden Op-Art.

Doch es gibt auch eine weitere Ausrichtung seines Werkes hin zum spielerischen Schaffen von neuen Un-Sinnzusammenhängen in den meisterlichen Fotomontagen und Collagen. »Phantasie, Wagnis, Zufall, Überraschung, Poesie, visuell ästhetischer Reiz, Ironisierung, das Spiel von Wandlung und Verwandlung, kritisches Zuordnen in eine zeitbezügliche Situation – das alles kann Collage beinhalten.«119 Es kommt dort zu Reminiszenzen an den Romantiker Caspar David Friedrich (1774–1840) oder an den Präsurrealisten Giuseppe Arcimboldo (1527–1593). Ein etwaiges Beharren auf einen Stil steht da nicht im Vordergrund, denn: »Die bildkünstlerische Aussage prägt sich in der persönlichen Handschrift, ist Ergebnis ständigen Überprüfens von schon Erarbeitetem und daraus gewonnenen Erkenntnissen, ist gleichwohl auch Bestandteil eines persönlichkeitsgebundenen Prozesses. Stil im Sinne von Zuordnung einer Kunstrichtung ist für mein Schaffen nicht relevant.«120

Schon während seiner Studienzeit von 1949 bis 1953 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (u.a. bei Arno Mohr [1910 bis 2001] und Bert Heller [1912–1970]) fand er in Robert Rehfeldt (1931–1993), Dieter Tucholke (1934–2001) und Hanfried Schulz Gleichgesinnte, denen das dort Vermittelte für ihre weitere Arbeit nicht ausreichte. Man sah sich in der jüngsten Moderne und in der Gegenwartskunst um. Für ihn blieb dabei stets »…bildnerisches Denken und Handeln, von Ausnahmen abgesehen, ein Vergnügen rundum, fast immer bei einem selbst und manchmal auch seitens des Betrachters.«121

Armin Hauer

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