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GERHARD KETTNER (1928 - 1993)

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Frau M. im Schaukelstuhl · 1976
Bleistift · 60,2 x 42,3 cm 
bez. l.u. Kettner 76 · erworben 1976

»Ich glaube, es kann sich keiner aus seiner Traditionskette herauslösen, aus seiner Umwelt, aus seiner Form – das alles wird ihn beschäftigen.«106

Sich in eine Tradition stellen, sich in ihr wiederfinden, bedeutet eine Anerkennung ihres Regelwerks, explizit im Werk der Vorbilder sichtbar. Der »nur« Zeichner Gerhard Kettner sah sich in einer Folge europäischer Menschenbildner. Der Begriff des Realismus ist dabei etwas zu eng, wenn man in einem Atemzug Michelangelo Buonarroti (1475–1564), Adolf von Menzel (1815–1905), Käthe Kollwitz (1867–1945), Gerhard Marcks (1889–1981), Otto Dix (1891–1969), Hans Grundig (1901–1958), Max Schwimmer (1895–1960) oder Hans Theo Richter (1902–1969) nennt. Als Schüler von letzteren drei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden von 1951–55 musste er sich von ihrer didaktischen, dem Situativen und Anekdotischen verpflichteten Auffassung nach und nach lösen. «Für meine Arbeit gilt, dass die Auseinandersetzung mit dem Richterschen Werk dort am problemreichsten war, wo ich versucht habe, über neue Inhalte zu neuen Mitteln zu kommen.«107 Schon die frühen Kreidezeichnungen aus der Zeit an der Museumsschule in Altenburg (bei Heinrich Burkhardt [1904–1985] und während seiner Studienzeit in Weimar (u.a. Otto Herbig [1889–1971]) bezeugen seine Neigung zum Stillen und in sich Gekehrten seines Gegenüber. In einigen Folgen und Massenszenen klingt die Hell-Dunkel-Dramatik der Käthe Kollwitz nach. Anders als sie fühlte er sich zu konkreten Personen hingezogen, das anfängliche Anonyme und Typisierende verlor sich sehr schnell. Seine Lichtführung, der Umgang mit dem Weiß des Zeichengrundes wandelte sich gleichfalls.108 Licht wird bei ihm zu etwas, das zunächst das Gesicht weich moduliert, ihm etwas Verletzliches und Offenes gibt. In den Siebzigern und dann verstärkt in den Achtzigern wird das Weiß zum kalten Hintergrundslicht. Es verstärkt die Isolation der Porträtierten, löst sie aus dem Sozialen sowie aus dem konkret Örtlichen heraus und macht sie nicht selten zu großen Solitären, denen der Betrachter unverhofft gegenübersteht. Etwas, was nur bei guter Kunst eintritt, geschieht hier: der Porträtierte ist dem Betrachter nicht als zu bestaunendes Objekt ausgeliefert. Seine Physis ist so präsent, dass er »zurücksieht«, sich gleichsam subjektiviert und sich dem Blick ins Innere seitens des Betrachters entzieht.

Gerhard Kettner konzentriert sich beharrlich auf die Physis des Menschen, auf dessen Gesicht – noch genauer: auf dessen Oberfläche. Er formt eigenwillige Gesichtslandschaften (die Köpfe gleichen nicht selten verwittertem Gestein) aus dem gleißenden Nichts. Das gelingt in einer Reihe von Zeichnungen der Frau Matthes (1976), in Selbstporträts aus den späten Achtzigern, in den Zeichnungen seiner kranken Mutter von 1977 oder in dem anrührenden Porträt des großen Schauspielers Rolf Hoppe (1930). Die Zeichnungen werden zu einem unbarmherzigen und desillusionierenden »Ereignis«. Das bedarf keines illustrierenden Psychologisierens mehr, um eine Ahnung von der seelischen Verfasstheit des Gegenüber zu erhalten. Bei ihm wird der Mensch wieder zu einem vereinzelten, ein irgendwann sich in Nichts auflösendes Wesen aus Haut, Fleisch und Knochen, denn »der Mensch hat nichts anderes als seinen Körper« (Heiner Müller [1929–1995]). Ein menschelnder Einblick in das Seelenleben würde von den Dramen dieses zweifachen Ausgesetztseins (einmal dem des Lebens und dann dem des Selbst) ablenken. Beim genaueren Sehen verschließen sich die Gesichter mehr, als dass sie etwas vom »Inneren« preisgeben. Sie distanzieren sich vom Außen, werden mehr und mehr zum irritierenden oder befremdlichen Gegenüber. Gleiches sichtbar in den Grafitzeichnungen von »Frau Matthes im Schaukelstuhl«. Des Zeichners Blick ist ungewöhnlich tief angesetzt, die dünnen Beine sind durch Alter und Krankheit geprägt; die Hände erlitten das gleiche Schicksal. Ihr Oberkörper wird durch eine nicht näher bezeichnete Bluse als dunkle Schraffur zwischen dem hellen Rock und ihrem Kopf gespannt. Der trapezförmige Schädel erfährt durch lichtes, hochgestecktes Haar eine Umwölkung. Kissen und Schaukelstuhl sind eine dem knochigen Körper Halt gebende Schale. Zunächst sieht es so aus, als sähe uns diese Frau an. Doch ihre Augen über den dicken Tränensäcken wirken, wenn nicht erloschen, dann zumindest sehr ermüdet. Durch die leichte Untersicht verstärkt sich der Eindruck ihrer entrückten Wahrnehmung bei voller Anwesenheit des hinfälligen Körpers, dessen Knochen die Konturen hart diktieren.

Armin Hauer

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