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BERNHARD HEISIG (1925)

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Der Alptraum, Blatt 2 aus dem Zyklus
»Der faschistische Alptraum« · 1965
Lithografie · 65 x 50 cm · 46,5 x 34,5 cm
bez. r.u. Heisig · erworben 1976

Wer sich an eine Ausstellung mit Arbeiten von Bernhard Heisig erinnert, wird wohl nicht zuerst an die Selbstbildnisse, die Darstellungen der Mutter oder die Gemälde und Grafiken von Freunden und Bekannten oder Politikern denken. Aber auch Landschaften und Interieurs werden nicht so nachdrücklich im Gedächtnis haften bleiben wie seine großformatigen Simultandarstellungen. In ihnen setzte sich der Künstler über Jahrzehnte mit dem historischen Konfliktpotenzial der Macht auseinander. Polare Gegensätze von Leben und Tod, Gewalt und hilflosem Ausgesetztsein werden hier in Bezug zu historischen Ereignissen gesetzt und in all ihrem Facettenreichtum miteinander konfrontiert. Oft tritt dabei die Grafik, in der Heisig Einmaliges geleistet hat, ungerechtfertigterweise in den Hintergrund. Doch gerade mit ihr war er durch seine Ausbildung, die Dozentur und nachfolgende Leitung der Abteilung Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig auf das Engste verbunden. Davon künden die grafischen Zyklen wie »Der Krieg« (1956), »Die Pariser Kommune« (1958/59) oder die Blattfolge »Der faschistische Alptraum« (1965/66). Diese können als Vorläufer bzw. Dialogpartner für seine großformatigen Gemälde angesehen werden.

Doch unabhängig von der Technik ist es das jeweilige Thema, das von dem bekennenden Dialektiker immer wieder so vielschichtig hinterfragt wird, dass sowohl die zahlreichen Fassungen als auch ein vielfaches Überarbeiten der einzelnen Werke die Folge hiervon sind.

Die Auseinandersetzung mit den Themen Krieg und Gewalt finden mit der Arbeit zum »Faschistischen Alptraum« ihren Höhepunkt, was nicht zuletzt auf das eigene Betroffensein des Künstlers zurückzuführen ist. So wurde Heisig bereits als 17-Jähriger der 12. SS-Panzer-Division »Hitler-Jugend« zugeteilt. Verletzt und erneut kriegstauglich nahm er nun an den Kämpfen um die Festung Breslau teil, wurde wieder verwundet und gelangte schließlich in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Doch das Morden und die Qual der Leiden, die Frage von Schuld und Sühne, die Abgrenzung und das aufeinander Bezogensein von Tätern und Opfern sowie die eigene Schuld als Beteiligter im Krieg war nicht aus dem Gedächtnis Heisigs zu verdrängen. »Neben der Möglichkeit, einen Bildstoff grafisch formulieren zu können, wollte ich mir auch über eine Bewusstseinslage klar werden, in der ich mich damals und mit mir viele meiner Generation befanden«98, bekennt der Künstler. Er fühle sich zum Anklagen nicht berechtigt. »Tatsächlich ist aber meine Art zu leben, also auch zu arbeiten, von dem beeinflusst, was mich beunruhigt. Weniger von dem, was mich beglückt«99, führt er erklärend aus. Diese beunruhigende Dramatik, von der alle Blätter der Folge durchdrungen sind, wird von Heisig aber nicht durch Kampfhandlungen nachvollziehbar gemacht, sondern vielmehr handelt es sich bei allen 35 Lithografien um Reflexionen nach zeitlichem Abstand. Der Einzelne als Schinder oder Geschundener ist in seinem Ausgeliefertsein und seiner Anonymität hier ebenso anzutreffen wie die nicht zu differenzierende Masse. Beide stellt der Künstler in ihrem aufeinander Bezogensein dar. So auch auf dem ersten Blatt der Folge, das dieser den Titel gab. Mit der weichen Lithokreide zeichnete er hier detailliert, überzeichnete bzw. verwischte die Details und bündelte sie zu malerischen Strukturen, so dass die schützende Oberflächenhaut von Mensch und Gegenstand entfernt zu sein scheint. Der Gestaltungsweise entspricht der Inhalt des Blattes »Alptraum«, wo sich ein bizarres Wesen von krakenhafter Gestalt, das zugleich aber auch an das Wrack eines Panzers erinnert, in bedrängender Aggressivität über eine Gruppe von hilflos agierenden Menschenleibern wälzt. Es schiebt sich mit diesen auf die schreiend verstümmelte Gestalt eines Mannes im Bildvordergrund zu, der hilflos dem Geschehen ausgeliefert ist. Durch die Überfülle der Figuren sowie das Verschieben und Verflechten der Handlungsräume erhält die Irrealität des Alptraums zugleich bedrängende Nähe, der auch der Betrachter nicht zu entfliehen vermag.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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