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FRIEDER HEINZE (1950)

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Vier Variationen zum Thema: Licht am Ende des Tunnels · 1991
Gouache, I - IV · 197 x 70 cm ·  bez. r.u. H.91 · erworben 1991

»Die großen Alten bis hin zu Cézanne und Beuys (gerade noch) standen in Zusammenhängen: Körper, Geist, Gemeinschaft (Dreifaltigkeit). Ich muss froh sein, Körper und Geist in Gleichgewicht zu halten; damit gehören wir schon zur Ausnahme, zu den Sonderlingen, den Randmenschen, die sich dem gesellschaftlichen Fleischwolf verweigern; d.h. alle, die willig mitmachen im und am Zerfall sind Klopse! Randkunst also, destruktiv, ein wenig wehmütig, aber voller Kraft und Sensationen.«203
»Licht am Ende des Tunnels« – diese geflügelten Worte fanden um 1990 flächendeckend Eingang in den ostdeutschen persönlichen und politischen Sprachgebrauch.204 An sich ist schon diese Floskel sehr assoziationsreich und nicht frei von fast zynischem Humor. Demnach ist es auch kein Wunder, dass ein Künstler wie der sächsische Mythenjongleur sich dieser Wortreihe annahm und mittels seiner individuellen Zeichensprache aus aller Herren Länder und aus unzähligen Kulturen einen vierteiligen, fabulierenden Kommentar malte. Seit den frühen Achtzigern fand er zu seinem sinnfrohen, rätselhaft archaisierenden Stil. In einem bezeichnenden Text »Ohne Haut« von 1993 stellte er die Frage: »Mit wem kommuniziere ich?: mit den wenigen Gleichgesinnten, mit den Liebhabern von Individualität und Bildern, mit älteren Menschen vor allem und mit denen, mit denen man lebt. Das Offensein zu allem Fremden ist permanent vorhanden, denn das Lernen ist ohne Ende. Der Antrieb ›Kunst zu machen‹ ist ausschließlich destruktiv. ›Hoffnung Vergänglichkeit‹ war mal ein Bildtitel und gemeint ist die Destruktion, d.h. wenn das Allgemeine schlecht und vorsätzlich böse ist, kann man nur hoffen, dass es vergeht, weil sterblich. Einbringen eigener Leistungen, eigner Person sind ausgeschlossen, da sich die Integration heute als Kollaboration herausstellt.«205
In seinem umfangreichen Werk verleugnet er nicht die Kenntnis Penckscher zweidimensionaler und sich dem Horror vacui beugenden Syntax. Dennoch geht es bei ihm fabulierender, sinnlicher und der freien Assoziation vertrauend freier und offener zu. Die nicht selten recht gegensätzlichen und in ihrem Bedeutungsgehalt unterschiedlichen Codierungen finden zueinander, pflegen einen Dialog zwischen einem archaischen Raunen und dem modernen Small Talk. Mit dieser narrativen und das Plakative nicht verschmähenden Sprache stand er fast allein in einer Kunstlandschaft, die sich bisher äußerst zurückhaltend gegenüber der populären Comicsprache, der des Piktogramms sowie einer die Zeiten und Länder überschreitenden Bildrezeption verhielt.

Das Museum hat im Laufe der Zeit unterschiedliche Werke erwerben können. Zum Beispiel zählen dazu zwei große Filze mit Fabelwesen auf weichen Farbgründen aus dem Reich der guten Träume, mehrere Lithografien mit Liebesnachtfantasien und Tagtraumfetzen sowie der nun schon fast zu einem Museumslogo gewordene Mann (1982) aus Pappmaché, der mal zusammen mit seinem gleichgroßen Gegenüber als »Bauchredner« anlässlich von Ausstellungseröffnungen fungierte, da im Körper Lautsprecher die Reden hörbar machten.

Auffällig in diesen vier Blättern »Licht am Ende des Tunnels« ist das laute und grotesk turbulente Agieren der eigenwilligen Wesen, die wiederum irgendwo der Art brut und einem Mythencocktail entlaufen sind. In den vorangegangenen Zeichnungen ging es etwas zurückhaltender und demnach »leiser« zu. Der Einbruch einer schrillen, nicht selten sinnlos absurden Kaufrauschwelt bedingte vielleicht diesen Schritt zu einer noch größeren Nähe zum Comic. Heinzes Bilder, Objekte und Installationen sind stets menschenfreundlich und kommunikativ konzipiert. Fast keiner, der sich diesen seltsamen und irgendwie vertrauten Wesen entziehen kann und nicht versucht, diese Hieroglyphen eines individuellen Alphabets mit Endlosfolgen zu dechiffrieren. Tendenziell wollen sich diese bio- und anthropomorphen Geschöpfe im Raum verbreiten, vom Ort Besitz ergreifen und sich in ihm verströmen. Im nun schon legendären Leipziger Herbstsalon von 1984 besetzten sie im überwältigenden Chor mit den zum Teil vollkommen andersartigen Bildern und Objekten seiner Mitstreiter die Messehallen.206 Die Kunst brach für Tage in die Tristesse des Lebens ein und sorgte für arge Beunruhigung.

Armin Hauer

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