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JÜRGEN HARTMANN (1950)

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Ligurische Sonnen I, III, IV
Mischtechnik · 91 x 86 cm (I) · 117,6 x 91 cm (III und IV)
bez. r.u. Hartmann 01 · erworben: 2001

Seit Jahrhunderten wirken Italienaufenthalte anregend auf das Schaffen von Schriftstellern und Künstlern. Johann Wolfgang von Goethe, einer der prominentesten unter ihnen, versuchte hier seine blockierte literarische Kreativität durch einen radikalen politischen wie geografischen »Klimawechsel« wieder aufzufrischen, ohne Rechenschaft darüber ablegen zu müssen. Mögen diese Gründe für Jürgen Hartmann nach dem Zusammenbruch der DDR unterschwellig ebenfalls Auslöser für seine kontinuierlichen Italienaufenthalte seit 1991 gewesen sein, so kam bei ihm wie bei vielen anderen die Sehnsucht nach der Wärme und Farbenpracht des Südens hinzu. Doch sein Interesse während dieser Aufenthalte richtete sich weniger auf die Kunst von Renaissance und Barock, noch war die Antike der Dialogpartner für sein Schaffen. Vielmehr fand Hartmann in dem kunsthistorisch kaum beachteten kleinen Ort Imperia in Ligurien, Straßen, Bauten und Gegenstände vor, die den Geist einer gewachsenen Kultur von Jahrhunderten ahnen ließen. Doch wie konnte man diesen Zauber von optisch nachvollziehbarer Geschichte, die sich auch in scheinbar Nebensächlichem offenbarte, in das eigene Schaffen einfließen lassen?

Seit Beginn seiner Tätigkeit als freischaffender Künstler hatte Hartmann gezeichnet. Doch spielte die Arbeit mit Bleistift, Kohle und Kreide bis zu seinem Italienaufenthalt immer eine untergeordnete Rolle. So war es bis 1985 die Holzskulptur, auf die er das Hauptaugenmerk lenkte. Seitdem entstanden vor allem Arbeiten für den öffentlichen Raum, wobei er neben Holz, Stahl und Stein, Schiefer einsetzte, um mit seinen Kunstobjekten spannungsvolle Zeichen im Innen- und Außenraum zu setzen. Um den notwendigen Broterwerb sicherzustellen und bei seinen Gestaltungen möglichst unabhängig zu sein, erarbeitete der Künstler parallel hierzu Konzepte für überregionale Ausstellungen. All das mag seinen Blick geschult haben, im Alltäglichen das Außergewöhnliche zu entdecken und den Wunsch bestärkt haben, unabhängig von allen Vorgaben zu arbeiten.

In Italien ließ sich dieses Wollen für Hartmann am besten umsetzen. Hier konnte er frei von den Mühen der Ebenen des pulsierenden Kunstbetriebes in der Bundesrepublik im entspannten Abstand vom häuslichen Alltag arbeiten. Angeregt von der Architektur und religiösen Objekten im ligurischen Hinterland setzte nun bei ihm ein Arbeitsprozess ein, bei dem sich die objektiv technisch vermittelte Sicht mit einem subjektiv spielerischen Gestaltungsvorgang verband. So fotografierte der Künstler, »scennte und überzeichnete das Entstandene mehrfach bis zu einem für eine Großkopie akzeptablen Resultat. Danach wurden die Blätter auf einen alten Mühlstein gespannt und mit Farbpigment eingerieben.«201 Die Basis der Folge »Ligurische Sonnen«, welche bisher 12 Zeichnungen umfasst, bildet immer wieder ein Tondo, das die Horizontale der Papierfläche fast völlig ausfüllt. Seine strukturiert aquarellartige Pigmentfläche von gesättigtem Umbra lässt dabei an die Atmosphäre des Landes mit der Summe seiner Besonderheiten denken. Jeweils ein Motiv, wie eine alte Gasse, ein Madonnenschrein oder der Blick in eine Kirchenruine, steht dabei in sehr zurückgenommener und oft nur angedeuteter Formulierung im Zentrum des Blattes. Doch wurde das Dargestellte nicht allein in seinen Größenverhältnissen der Gestaltungsabsicht des Künstlers unterworfen und damit subjektiv verändert. Symbole wie das Kreuz wurden ebenso wie Schrift oder Schemen einer Figur andeutend hinzugefügt, wobei anderseits auf real Vorhandenes bewusst verzichtet wurde. Nicht zuletzt entstanden so vielschichtig auszudeutende, sensibel und zugleich kraftvoll gestaltete Blätter. Von der geheimnisvollen Atmosphäre, die die deutschen Romantiker an Italien faszinieren sollte, sind die vorgestellten Arbeiten ebenso durchdrungen wie von unserem heutigen Lebensgefühl, welches nicht zuletzt auch dadurch gekennzeichnet ist, dass sich die Schönheit des Seins oft erst im Blick zurück erschließt, »im Augenblick des Innewerdens des Verlusts eines Ortes«.202

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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