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CLAUS HÄNSEL (1942)

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Weiblicher Zivilisationskopf · Blätter I–III · 1982
farbiger Kugelschreiber · 73,4 x 100 cm
bez. u.r. C. H. 82 · erworben 1984

Claus Hänsel ist Maler, vor allem aber ist er Zeichner und Fotograf. Diese drei Bereiche gehen in seinem Schaffen nicht allein symbiotisch ineinander über, sie bereichern und steigern sich gegenseitig.
Doch während seines Studiums konnte diese Entwicklung kaum vorhergesehen werden, denn für die Herausbildung einer selbstbestimmten künstlerischen Handschrift waren weder die Ausbildung noch das Klima an der heimatlichen Dresdner Kunsthochschule der Jahre 1963 bis 1968 anregend für den Studenten. Vielmehr führten sie vor Augen, woran es für ihn nicht anzuknüpfen galt und womit der künstlerische Dialog unproduktiv war. Auch die zweijährige Aspirantur am Institut für baugebundene Kunst in Berlin bei Walter Womacka war wenig befriedigend für Claus Hänsel. Konnte es da 1970 in Schwedt bei dem Start in die freiberufliche Tätigkeit überhaupt noch schlimmer für den jungen Künstler kommen?
Das Interesse an der Figuration war bei Hänsel von Beginn an vorhanden. Doch wie ließ sich hieran anknüpfend ein ideologiefreies Gestaltungskonzept, das allein von kunstimmanenten Fragen bestimmt wurde, entwickeln? Anfang der 70er Jahre entdeckte der Künstler die 6 x 6 Kamera als Arbeitsmittel. »Immer experimentell ausgerichtet« orientierte er sich »zunächst auf organische und mineralische Strukturen, alsbald auf die Figur.«170
Hier war es seine schöne junge Frau, die Hänsel in der Natur, vor der Kulisse von Meer und Dünen immer wieder aufnahm. Ob in ganzer Figur oder als Brustbild, die verschiedensten Blickrichtungen, Kopfhaltungen und Körperwendungen wurden von ihm in fotografischen Sequenzen, Phasen und Reihungen festgehalten. Vor allem faszinierten den Künstler »die Verwischungen und Bewegungsunschärfen, die… Wirklichkeitserfahrung zuließ, die über das menschliche Auge so nicht zu gewinnen war«.171 So entstanden eigenständige Fotografien, die dem Künstler zugleich aber auch als Vorlage für seine Zeichnungen dienten. »Mein manuelles Reagieren … lag dabei in der Spannbreite von direkter imitativer Absicht im Verweis auf die Herkunft bis zu assoziativer Offenheit, wobei der Ursprung Fotografie sich auch verflüchtigte«172, bekennt Hänsel.

Bis zu der Ausreise im Jahre 1984 sind so über 100 Arbeiten nachweisbar, die auf der Basis der Fotografie entstanden. Neben Lithografien schuf der Künstler Zinkografien und Siebdrucke. Doch vor allem sind es Zeichnungen, die durch die Wahl des Bildausschnitts, den Bildträger und das jeweilige Zeichenmaterial in Gruppen zusammengefasst werden können. So nutzte Hänsel den Bleistift, die Feder und den Kugelschreiber, arbeitete mit Tusche und Aquarellfarben auf Pack-, Japan- und Millimeterpapier. Die rasternde Gliederung stellte dabei in unterschiedlichster Form den ersten auslösenden Schritt bei der Orientierung auf der Fläche dar. Auch bei den Zeichnungen von »Weiblichen Zivilisationsköpfen« ist diese anzutreffen, wird aber durch ein Farb- und Strichfeuerwerk von zum Teil gebündelten Kugelschreiberlinien umfangen. Aus unterschiedlich gesetzten Strichbündelungen und Überzeichnungen von intensiver roter Farbe, die an einigen Stellen durch gelbe Untermalung zum violett tendiert, schält sich so das weibliche Brustbild heraus. Blaue und schwarze Strichfragmente skandieren neben gelben und violetten Tuschflächen die Figur. In einem gleichsam meditativen Akt des Zeichnens fließt hier Bewusstes und Unterbewusstes, Gesehenes und Gewusstes miteinander zur Einheit zusammen. Als Ergebnis entstehen Blätter wie unsere Zivilisationsköpfe I–III, bei denen der Künstler in faszinierender Nachdrücklichkeit und Frische parallel zum fotografischen Vorbild zu formulieren versteht. Diese Arbeiten lassen nur allzu deutlich werden, dass die einengende vormundschaftliche Abgeschlossenheit in der DDR auf Dauer unerträglich für den Künstler werden musste und die Ausreise aus der DDR als folgerichtigen Schritt nach sich zog. Doch auch in der Bundesrepublik angekommen, hielt Claus Hänsel nicht allein an der Figur als thematischer Aufgabe fest. Vielmehr blieb die Vitalität seiner Bilder, Zeichnungen und Installationen ungebrochen erhalten, so dass wir auch auf zukünftige Arbeiten gespannt seien können.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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