zurück

HANS GRUNDIG (1901 - 1958)

zur Biografie

Gejagt · 1938
Kaltnadelradierung (zweiter Zustand) aus der Folge »Tiere
und Menschen« (1933–1938) · 35 x 49,8 cm · 24,8 x 39,2 cm
bez. r.u. Hans Grundig 1934–1936 · erworben 1967

»Freude, Schmerz, Trauer – Erscheinungen, alt wie die Menschen sind – werden bleiben, solange unsere Menschenwelt besteht. Zwischen diesen Spannungen und den gesellschaftlichen Notwendigkeiten liegt und bleibt das, was wir als bildende Künstler formen. Eine reiche, eine wunderbare Welt.«76 In diesem Selbstzeugnis von 1946 weist Hans Grundig auf das breite Spektrum seines Schaffens ebenso hin wie auf den funktionalen Zusammenhang seiner Kunst in Bezug zum gesellschaftlichen Geschehen. Die 134 Gemälde seines Œuvres zeigen, dass er der Malerei besondere Aufmerksamkeit widmete. Der Künstler schuf aber auch Zeichnungen und Aquarelle, wobei die Druckgrafik besonders hervorgehoben werden muss, wies sie doch Grundig als Künstler von Weltrang aus. Letztlich waren es jedoch immer gravierende Einschnitte in seinem Leben, die sich in seiner Kunst inhaltlich und formal niederschlugen.

Dem aus mittellosen Handwerkerkreisen stammenden Kunststudenten wurde zu Recht eine Mentalität als »Träumer und Kämpfer«77 unterstellt, wie sie in diesem Dualismus nur selten zu finden ist. Hierauf aufbauend prägten ihn die Zeitverhältnisse und die damit in Zusammenhang stehende wirtschaftliche Not, welche er sehr nachdrücklich am eigenen Leibe zu spüren bekam. Aber auch die Malerei und Grafik des nur um wenige Jahre älteren Otto Dix hatte Einfluss, konnte er sich doch künstlerisch an diesem messen. Von besonderer Bedeutung für sein Leben und Schaffen war jedoch die Liebe und Ehe mit der aus einer wohlhabenden jüdisch-orthodoxen Familie stammenden Kaufmannstochter Lea Langer, die mit ihm an der Kunstakademie studierte und zu seinem unverzichtbaren künstlerischen und politischen Dialogpartner wurde. So blieb der Eintritt beider 1926 in die KPD nicht ohne Folgen. Neben Porträts und Interieurs entstanden nun auch thematische Gemälde und Linolschnitte, welche Grundig im Sinne der Politik der KPD schuf und die der Partei zum Teil auch als Agitationsmaterial dienten.

So ist es auch zu verstehen, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten den wesentlichsten Einschnitt in seinem Leben darstellte. Der Ausschluss aus der Reichskulturkammer 1936 und das damit in Zusammenhang stehende Arbeits- und Ausstellungs-verbot waren die Folge ebenso wie Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und 1940 die Einlieferung in das KZ Sachsenhausen. Dennoch schuf Grundig gerade in den Jahren 1933–1940 sein grafisches Hauptwerk. Mit kleinformatigen grotesken Skizzen, die von der karikierenden Beobachtungsgabe und dem skurrilen Humor des Künstlers zeugten, hatte er sich dem Thema mit spielerischer Leichtigkeit genähert. Mit dem Radierzyklus »Tiere und Menschen« wurde jedoch nicht allein das Skizzenhafte zurückgedrängt. Grundig wollte das grausame Wesen des Faschismus in diesen Blättern entlarven, dessen Mordlust anklagen und vor diesem Regime in der verständlichen Sprache der Tierparabel warnen. So treffen wir neben dem großen Ohr des Spitzels hinter der Zeitung auch auf böse dumme Schweine, gefährliche Tiger und ausgezehrte Aasgeier. Bei dem Blatt »Gejagt« wird so z.B. die Ausweglosigkeit der Situation des isolierten Gefangenseins durch die Kreisform der umgrenzenden Mauer nachvollziehbar, die sowohl dem gehetzten Pferd als auch den hetzenden Wölfen jede Aussicht unmöglich macht. Die apokalyptische Atmosphäre, der sowohl das unschuldige Pferd wie die Zähne fletschenden Wölfe ausgesetzt sind, die Grundig auch in seiner Autobiografie immer wieder mit den Nazischergen gleichsetzt, wird durch den Hell- Dunkelkontrast noch verstärkt und lässt die rasende Bewegung der Tiere nachvollziehbar werden. Man fühlt sich bei der Darstellung an Goyas Caprichos bzw. seine Desastres erinnert, die vom Grauen vor über 100 Jahren eindrucksvolles Zeugnis ablegten.

Nach 1946 kehrte der Künstler gezeichnet von den Leiden im KZ nach Dresden zurück. Als erster Rektor der Dresdner Kunstakademie gab er den Studenten nun durch Wort, Bild und Zeichnung seine Botschaft über die Schönheit und die Gefahren in der Welt auf unverzichtbare Weise weiter.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie