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GEORGE GROSZ (1893 - 1959)

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Vollkommene Menschen · 1920
Lithografie · 41 x 31 cm · 27,5 x 22,5 cm 
unbez. · erworben 1977

Es war die dunkle und vor allem hässliche Seite der so genannten »Goldenen 20er Jahre«, die George Grosz aus eigenem Erleben wirkungsvoll mit Zeichnungen und Bildern zu demaskieren verstand. Er schätzte die neu entstandene Republik mit analytischem Blick als »schwach, kaum wahrnehmbar«45 ein und sah in ihr »eine völlig negative Welt, mit buntem Schaum obenauf«46. Die Erkenntnis und zugleich das Leitmotiv seiner Gestaltung: »Die Menschen sind Schweine. Das Gerede von Ethik ist Betrug, bestimmt für die Dummen«47, trennte ihn von den Genossen der KPD, in die er 1918 gemeinsam mit seinen Freunden John Heartfield und Wieland Herzfelde eingetreten war. Mit diesen gründete er 1919 nicht nur eine satirische Zeitschrift »Die Pleite«, er gab im Malik-Verlag mit den Brüdern Herzfelde auch zahlreiche grafische Mappen heraus, die das Wesen der Weimarer Republik diagnostizierten. Mit mikroskopischer Sicht führte er hier den Dialog von Besitzenden und Besitzlosen und verlieh diesem durch Typusporträts der verschiedensten Schichten Ausdruck. 1920 äußerte der Künstler: »All diese Dinge, Menschen und Erscheinungen wurden von mir sorgfältig gezeichnet. Ich liebte nichts davon, weder die im Restaurant noch die auf der Straße.«48 Dieses Selbstbekenntnis entstand zu einer Zeit, da der Siebenundzwanzigjährige auf dem Wege war, große Anerkennung als Satiriker zu erlangen. Er zog aber nicht nur künstlerische Beachtung und die damit verbundene Anerkennung auf sich, sondern zugleich auch die Ablehnung und den Hass derjenigen, denen er mit seinen Zeichnungen die Maske des Vorbilds, sei es nun als Kämpfer fürs Vaterland, Wohltäter der Armen oder Biedermann am Schreibtisch bzw. im Familienkreis vom Gesicht gerissen hatte. So stellte er letztlich nicht nur Einzelne als verabscheuungswürdig an den Pranger, sondern die gesamte bürgerliche Werteskala in Frage und gab sie durch seine beißenden Satiren der Lächerlichkeit preis.

Unangepasstheit sowie Ungehorsam prägten sein Wesen und führten bereits beim 17-Jährigen zum Schulverweis und während des Krieges aus Protest gegen Nationalismus und Patriotismus zur Änderung seines Namens. Aus Georg Ehrenfried Groß wurde so ab 1916 George Grosz. Wen wundert es, dass er auf Grund seines künstlerischen Schaffens mehrmals wegen Beleidigung der Reichswehr, Angriff auf die öffentliche Moral und Gotteslästerung angeklagt wurde. Dass der Künstler schließlich 1933 nach Amerika auswanderte, ist nur ein folgerichtiger Schritt, hatte er doch nicht nur Nationalismus und Kapitalismus angegriffen, sondern auch vor dem Faschismus gewarnt und Hitler karikiert.

1920 und damit im Gründungsjahr der NSDAP schuf er die Lithografie »Vollkommene Menschen«. Stärker als die Darstellung selbst weist der Titel auf den Zynismus der Groszschen Aussage hin. So bot auch hier wieder die Großstadtkulisse, verbunden mit seinem Typenrepertoire, den Darstellungsgegenstand. Der Zigarettenhändler mit seinem Bauchladen ist neben dem Bürger mit der Melone ebenso zu finden wie der Kriegskrüppel oder Polizisten und Angestellte sowie Frauen aus unterschiedlichen Schichten. Doch sind sie nicht wie so oft in starker Überzeichnung auf verschiedenen, deutlich voneinander getrennten Ebenen als dialogisches Gegensatzpaar vom Künstler dargestellt worden, sondern vielmehr bevölkern die Figuren gemeinsam sowohl den Vorder- sowie den Mittel- und Hintergrund des Blattes. Als ein resignatives und durchaus realistisches Moment könnte diese Anordnung in ihrer banalen Alltäglichkeit gedeutet werden, waren doch die revolutionären Novemberträume bei der Mehrheit der Bevölkerung verflogen und Resignation prägte wie auf diesem Blatt das »normale« Alltagsgeschehen. Die bewusst unästhetische Liniensprache, wie er sie bei Kritzeleien in den Pissoirs sowie bei Kinderzeichnungen sah, hatte den Künstler »seiner Eindeutigkeit wegen«49 bereits seit 1917 zu seinen Umrisszeichnungen angeregt. Mit diesem »messerharten Stil«50 stellte Grosz auch auf dieser Zeichnung die Dinge so dar, »wie man sie im Bürger- Deutschland nicht sehen darf: wie sie sind, nicht, wie sie scheinen.«51

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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