zurück

MORITZ GÖTZE (1964)

zur Biografie

Little dog · 1995
Serigrafie 22/30 · 210 x 300 cm
bez. r.u. MORITZ G 22/30 · erworben 2000

Wer den kleinen Hund auf dem großen Bild von Moritz Götze zu finden sucht, wird enttäuscht. Es handelt sich hier um den Titel eines Seemannsliedes, welches dem Künstler so gut gefiel, dass er diesen als Bezeichnung für sein Bild übernahm. Einige Schriftzüge hieraus sind sogar im linken oberen Bildteil, gut bewacht von einem überdimensionierten Männerschädel, zu erkennen. Aber es handelt sich bei der großformatigen Darstellung um kein Gemälde, wie man bei kurzem Hinsehen vielleicht vermuten könnte, sondern vielmehr um 9 Serigraphien, die vom Künstler zum Bild zusammengefügt wurden. Unlösbar scheinende Probleme wie z.B. die Herstellung einer Riesengrafik im Format von 2 x 3 Metern löst Götze unkompliziert und wie so oft mit einfachen und sehr nahe liegenden Mitteln. Die Montage ist dabei nicht nur bei dieser Darstellung genutzt worden, vielmehr wird sie generell als Gestaltungsprinzip vom Künstler bevorzugt. Doch nicht nur Motive aus verschiedenen Zeiten und Orten werden versatzstückhaft auf seinen Arbeiten miteinander kombiniert. Das Montageprinzip ist, wie auch »Little dog« zeigt, weniger inhaltlichen, sondern vor allem formal künstlerischen Gesetzen verpflichtet. So dient die Rahmung der einzelnen Grafiken, die das Bild in gleich große Rastersegmente teilt, dem Künstler zugleich aber auch als kompositorisches Ordnungsgefüge innerhalb der Vielfalt des Dargestellten. Doch ob es sich nun um die hier vorgestellte Arbeit handelt oder um eine grafischen Folge, ein Tafel- oder Wandbild oder um eine elektronisch gesteuerte Prismawand, alles unterliegt einem Gestaltungszwang, bei dem nicht nur die technische Vielfalt fasziniert. Vielmehr ist es auch das breit gefächerte inhaltliche Repertoire, welches der Künstler seinem frühkindlichen Hunger nach Bildern verdankt. Streifzüge durch den elterlichen Bücherschrank, in dem der Flottenkalender von 1915 und 1917 neben der illustrierten Geschichte des Deutsch- Französischen Krieges oder eine bebilderte Weltgeschichte zu finden waren, legten die Grundlage für ein Bildreservoir, aus dem der Künstler noch heute schöpft. So mischen sich in seinen Werken Begebenheiten aus längst vergangener Zeit mit dem Geschehen unserer modernen Welt.

»Little dog« besticht wie auch alle anderen Arbeiten vor allem durch die satte leuchtende Farbigkeit. Doch es sind bei Götze nicht die ekstatisch farbigen Gefühlsausbrüche expressiver Malerei. Vielmehr formuliert der Künstler flächenhaft und zeichnerisch präzis, mit grafisch klarem Strich, wobei die Linie allein die Aufgabe hat, die jeweilige Farbfläche zu begrenzen. Obwohl das Dargestellte reale Proportionen besitzt, wird diese Realitätssicht im Bildzusammenhang wieder aufgehoben. Figuren und Gegenstände werden sowohl in ihrem aufeinander bezogenen Größenverhältnis als auch in ihrer An- und Zuordnung allein von subjektiv formalen Gesichtspunkten bestimmt. Sie existieren in einer ort- und zeitlosen Zwischenexistenz, die das Geschehen auch auf der vorgestellten Arbeit bestimmt. Durch das Kompositionsprinzip des goldenen Schnitts hervorgehoben, tritt uns hier wie so oft auf Arbeiten des Künstlers der coole glatzköpfige Mann frontal, das Geschehen bestimmend, entgegen. Im offiziellen Outfit mit Krawatte, Nadelstreifenanzug und einem Prisma in der Hand scheint er weder das ihn umgebende Chaos noch den weiblichen Akt zu seiner Seite wahrzunehmen. Durch einen Paravent abgeschirmt von der Außenwelt kann die schöne Nackte jedoch weder den Vulkanausbruch noch ein Überseeschiff und einen Himmelskörper und schon gar nicht einen Stadtteil wahrnehmen, der von hereinbrechenden Fluten bedrängt wird. Das Gesichtsfeld der Teilnahmslosen, das ein Vorhang freigibt, erstreckt sich nur auf das sich darbietende banale Alltagschaos zu ihren Füßen. Unberührt von ihrer Umgebung ist das Paar in einem imaginären Bühnenraum gefangen, der sowohl den Innen- als auch den Außenraum miteinander ebenso verbindet, wie Privates und Offizielles. Die Zeit scheint stillzustehen in dieser fiktiven Welt, die sich als Märchenbühne offenbart, auf der trotz chaotischer Zustände und Katastrophen Schmerz und Trauer ausgeschlossen bleiben.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie