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EBERHARD GÖSCHEL (1943)

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Tektonische Landschaft · 1978
Gouache · 30 x 38 cm · bez. l.u. Göschel 78 · erworben 1978

Betrachtet man die Skulpturen, Gemälde und Grafiken von Eberhard Göschel, wird einem deutlich vor Augen geführt, dass die polaren Begriffespaare gegenständlich-abstrakt oder figurativ- nonfigurativ nur theoretische Hilfsmittel sind, die Gestaltungskriterien verallgemeinernd zusammengefasst als erkennbare Abgrenzung hervorheben. Doch nicht nur dieser Eingrenzung widersetzten sich die Arbeiten des Künstlers. Wenn Göschel auch durch seine sensible Malkultur dem Dresdner Erbe verpflichtet ist, nahm er nicht allein in dieser Stadt, sondern in der gesamten DDR-Kunstszene eine gewisse Sonderstellung ein, die auch auf seine Persönlichkeit zurückzuführen ist. So war er wie in seiner Kunst auch sonst zu keinerlei Zugeständnissen bereit, nahm z.B. nie einen staatlichen Auftrag an, was für den Broterwerb durchaus notwendig gewesen wäre. In diesem Zusammenhang bekennt der Künstler: »In Dresden gab es eine Kultur der Verweigerung. Anderswo sank man sich schneller in die Arme. Der Preis dieser Verweigerung war die permanente Unterdrückung… Erledigte Auftragsarbeiten wurden von uns fast ausnahmslos gänzlich verachtet, ihre Autoren hassten wir wie die Pest.«182 Eine solche Verhaltensweise, aus der Göschel durchaus kein Hehl machte, trug mit dazu bei, staatliche Unterdrückungsmechanismen bei ihm wirksam werden zu lassen. Diese äußerten sich unter anderem darin, dass man ihm Einladungen zur Teilnahme an Ausstellungen in Ländern wie Italien und Frankreich verwehrte und ihm in überregionalen Ausstellungen, wenn überhaupt, nur Raum in Seitenkabinetten zubilligte. Ursachen hierfür waren vor allem durch die unduldsame Offenheit dieses Künstlers bedingt und nicht allein durch dessen Kunst. Obwohl – es gab für die Funktionäre keine Möglichkeit, seine Bilder und Grafiken für politische oder erzieherische Zwecke zu gebrauchen. Doch auch das genaue, vorurteilsfreie Hinsehen war nicht das, worauf es in der Kulturpolitik der DDR ankam. Das war aber wiederum die Voraussetzung dafür, an den Arbeiten von Göschel Interesse und Genuss zu finden. Wie er seine Kunst selbst verstanden wissen will, darauf weist der Künstler mit den Worten hin: »In meinen Arbeiten soll alles Hintergründige und Künstliche vermieden werden. …Alles ist sinnlich wahrnehmbar, und ein offenes Betrachten kann alles offenbaren, was das Bild geben kann.«183

Das Primat der sinnlichen Wahrnehmbarkeit prägt sein gesamtes Werk, das sich frei von gestalterischen Brüchen in den letzten 30 Jahren kontinuierlich entwickelt hat. Dabei stehen die Malerei und die Grafik gleichberechtigt nebeneinander. Stellt man die Gouache »Tektonische Landschaft« (1978) neben das Gemälde »Landschaft mit braunen Flecken« (1983) aus unserem Besitz, wird die Wesensverwandtschaft zwischen beiden erkennbar. Auch wenn das spontane und schnelle Arbeiten auf den relativ kleinen Papierflächen eher möglich ist wie auf den großen Leinwänden, entwickelt der Künstler die Formen immer aus der Farbe heraus. Die zur Monochromie tendierenden Kontraste Göschels werden auf dem vorgestellten Blatt durch einen Farbklang von Grün, Grau, Ocker und Braun bestimmt, der sonor die herbe Kühle der landschaftlichen Atmosphäre assoziiert. Die Rhythmisierung der aufeinander bezogenen und gegeneinander gesetzten Flächen lässt deutlich seine Handschrift erkennen, wobei die Farbe reliefhaft aufgetragen, zum Teil mit dem Spachtel wieder weggekratzt und stellenweise übermalt wurde. Farbschichten des Untergrundes treten so hervor, setzen sich gegenüber der Übermalung ab, erzeugen ein Leuchten und schaffen zugleich eine räumliche Wirkung. Auf das klassisch Geordnete des Aufbaus weist der Künstler mit dem Titel »Tektonische Landschaft« ebenso hin wie auf die Assoziationsmöglichkeit für den Betrachter. So werden auf seinen Blättern und Bildern nie Motive erkennbar, dafür aber seine Wahrnehmungen aus der Natur und die damit verbundenen Empfindungen nachvollziehbar. Göschel bringt uns so mit seiner Kunst optisch sinnliche Erlebnisse nahe, die durch ihre ästhetische Qualität über die Zeit und den Ort ihrer Entstehung hinaus Gültigkeit behalten.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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