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HERMANN GLÖCKNER (1889 - 1987)

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Blatt aus der Mappe »10 Handdrucke« · 1963/74
Schablonendruck, Linoleum 10/20 · 34,8 x 49,8 cm · 24 x 31 cm
bez. Grundblatt o. M. 10 Handzeichnungen 1963–74 Glöckner
erworben 1994

Sein stilistischer Werdegang ist folgerichtig und bei näherer Betrachtung weniger sprunghaft, als er manchmal erscheinen mag. So fiel ihm Ende der Zwanzigerjahre bei der Betrachtung seiner gegenständlich-sachlichen Dampfer- und Giebeldächerbilder eine geometrische Grundkom-position auf. Nun begann er mit analytischen Untersuchungen dieser Teilungen, Rhythmisierungen und räumlichen Brechungen mittels der Linie. Da heraus entwickelte sich im Zeitraum von 1930 bis 1937 die nicht nur national, sondern auch international einmalig dastehenden konstruktivistischen »Tafeln«. Dafür fertigte er standardisiert kleinformatige Pappen an und begann sie mit Linien und farblichen Abstufungen beidseitig zu strukturieren: Teilungen nach harmonierenden Prinzipien, »Spiegelungen« und »Linienbrechungen«. Es bildete sich ein Bild-Raum-Körper heraus, der jetzt selbstverständlicherweise nicht mehr nur in der Zweidimensionalität wahrgenommen wird.20 Schon damals ist seine Farbauffassung hoch diffizil und trotz des Minimalismus sinnlich. Sie nimmt die verglimmende, etwas spröd-verhaltene Aura eines Dresdner Spätimpressionismus auf. Diese koloristische Eigenheit ist in allen Werkphasen anzutreffen, insbesondere in denen, wo er sich nicht der vielfachen Variation von Linie und Fläche widmet.

Nach dem Krieg erfolgt neben den Spiegelungen und Brechungen ein fast spielerisches Herangehen an den Umgang mit Formen und Materialien. Fundstücke finden Verwendung in Objekten sowie auch als Druckvorlagen und informelle Strukturen: »Man könnte natürlich fragen, wie das zusammenhängt: Auf der einen Seite das Konstruktive – wobei ich mich nie ausschließlich als Konstruktivist bezeichnen würde, obwohl diese Linie durchs ganze Leben geht –, auf der anderen Seite solche durch Zufälle determinierten Dinge. Ich sehe im letzteren eine Art Erholung von den Anstrengungen, die bei meiner konstruktiven Arbeit notwendig ist.«21 Neben dem Motiv Linie kommt das der Kurven hinzu, einschließlich deren fabulierende Erscheinungsmöglichkeiten als Bogen oder Schlaufe. In einigen Reihen kann Organoides assoziiert werden, ohne sogleich an unmittelbare Naturvorbilder denken zu lassen. In anderen Gruppen gleiten und fließen Ornamente, getragen voller gelassener Sicherheit, ineinander. In seinem letzten Schaffensjahrzehnt fand er mit den aus dem ganzen Arm heraus gezeichneten Schwüngen zu einer Sprache, die in sich widerspruchs- dennoch nicht spannungslos Gesetz und Freiheit vereint.

Diese Schablonendrucke lassen schon etwas von dieser Verschmelzung des Gegensätzlichen ahnen, sind sie doch einem mehr oder weniger geschlossenen, konzeptionell und damit seriellen Prinzip der Variation eines Themas verpflichtet. Ihre Farbigkeit überstrahlt die klar begrenzte Form, gibt den scharfen Schnittflächen etwas Sanftes und Poetisches. Des Weiteren lockert sich die geschlossene Flächenstruktur auf und erhält etwas Haptisches, Schwebendes. Die Formen wirken gleich einem Objekt in einem nicht näher beschriebenen Raum. In dem erst in seinem 94. Lebensjahr (!) erschienenen Buch von 1983 (DDR, Buchverlag Der Morgen)22 erhält er eine ihm gerechte, doch sehr späte Ehrung in der DDR. Dort schreibt er im ehrwürdigen Einklang mit seinem Leben und seinem Werk auch etwas zur Entstehung dieser Mappe: »Das war die erste Werkgruppe (bezogen auf die vorangehenden Glasdrucke, d.A.). Die nächste umfasste Abdrucke von einer Linolfläche, die kurvig zerschnitten und teilweise auseinander gezogen war, so dass die Schnittspuren selbst grafische Formen bildeten. Auch diese Flächen sind mit Wasserfarben eingestrichen und so gedruckt worden, dass die Platte auf dem Tisch lag und das Papier aufgelegt wurde. Das Papier war teilweise trocken, teilweise feucht. Es wurde viel experimentiert, mit verschiedenen Farben gearbeitet. Davon sind 250 oder noch mehr Drucke entstanden, die teilweise zu Mappen zusammengefügt worden sind. Die Anordnung der einzelnen Teile der kurvig zerschnittenen Rechteckfläche wurde dann auch noch variiert. Die Platte wurde zunächst so gedruckt, wie sie geschnitten war. Durch unterschiedliche Farb- und Papierbeschaffenheit entstanden schon dabei verschiedene Oberflächenstrukturen. Später wurde die zerschnittene Linolfläche völlig auseinander genommen und die einzelnen Teile zu neuen Ordnungen zusammengefügt. Das ergab zehn ausgewählte Variationen, die ich ebenfalls zu Mappen zusammenfasste.«23

Das Museum besitzt noch einige andere Blätter, in denen er strenge im konstruktiven Geist arbeitet, sowie zwei Skulpturen; zum einen die »Räumliche Brechung eines Rechtecks« um das Jahr 1955, zum anderen die »Zwei ineinander verklammerten Scheiben« von 1973.24

Armin Hauer

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